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Kommentiert: Es ist nur eine Wahl

Ein Kommentar von Amien Idries

Wir wissen noch nicht viel Gesichertes über den 52-Jährigen, der am Donnerstag die britische Politikerin Jo Cox getötet hat.

Deshalb verbieten sich auch wilde Spekulationen über mögliche Motive und darüber, welchen Anteil die Debatte um Brexit und Flüchtlingskrise an dieser Wahnsinnstat hat.

Es kann hingegen nicht schaden, die Tat zum Anlass zu nehmen, einen Schritt zurückzutreten und für einen Moment innezuhalten. Denn unabhängig davon, ob der Täter „Britain first“ gerufen hat, ob er psychisch labil und/oder politisch verblendet ist, erlebt (nicht nur) Großbritannien derzeit eine Debatte, die in ihren Grundzügen undemokratisch ist.

Apokalypse als „Alternative“

Das gilt zu allererst für die Befürworter eines EU-Austritts, die mit einer kaum vorstellbaren Schärfe die Entscheidung am kommenden Donnerstag völlig überhöhen. Wenn der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson die Europäische Union mit Hitler-Deutschland vergleicht, dann ist das weit jenseits einer wünschenswerten Debattenkultur. Wer so argumentiert, sendet das Signal, dass es um viel mehr als um eine Wahl geht. Britannien oder Vasallentum, das sind die Alternativen, die für alle, die Johnson Glauben schenken, freilich keine wirklichen Alternativen sind.

Aber auch manche Befürworter eines Verbleibs in der EU verschärfen die Debatte unnötig. Wer die Zukunft Großbritanniens außerhalb der EU als apokalyptisches Schreckgespenst des wirtschaftlichen Niedergangs zeichnet, wird seiner Aufgabe innerhalb der demokratischen Meinungsbildung nicht gerecht. Keine Frage, es geht um viel bei dieser Wahl. Für Großbritannien und für Europa. Wer aber suggeriert, dass nach der Wahl die Welt untergeht, lässt den Menschen keine Wahl.

Das ist das zutiefst Undemokratische an der aufgeheizten Stimmung. Beide Seiten präsentieren zumindest in Teilen ihre Meinung als alternativlos. Und wo es keine Alternativen gibt, hat man keine Wahl. Entweder Ihr seid für uns, oder Großbritannien droht der Untergang. Wahlweise als EU-Vasall oder wirtschaftlich isolierter Einzelgänger.

Es wäre wie gesagt zu weit gegriffen, die aufgeheizte Stimmung für die Tat eines einzelnen Verirrten verantwortlich zu machen. Dennoch, manchmal hilft es, deutlich zu machen, worum es am kommenden Donnerstag geht: um „Yes or No“. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Vor allem ist es keine Frage auf Leben und Tod.

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