Kommentiert: Erwartungsdruck

Von: Peter Pappert
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Dramatisches Ringen mit vatikanischen Vorgaben ist dem Kölner Domkapitel dieses Mal erspart geblieben. 1988 weigerte es sich monatelang, den Willen des damaligen Papstes Johannes Paul II. zu erfüllen.

Der bestand darauf, dass der Berliner Kardinal Joachim Meisner neuer Erzbischof in Köln wurde, und setzte sich schließlich mit brachialer statt seelsorgerischer Gewalt durch.

Mehr als 25 Jahre später kam das Metropolitankapitel mit seinen drei Vorschlägen wiederum nicht zum Ziel. Nach allem, was aus verschiedenen Kreisen und Quellen zu hören ist, standen auf seiner Wunschliste an den Vatikan drei andere Namen als jene, die dann aus Rom zurückgeschickt wurden. Es hätte also aus Sicht des Erzbistums – nach den Vorstellungen der Ortskirche – besser oder zumindest anders kommen sollen. Aber es hätte eben auch schlimm werden können; das ist den Kölnern erspart geblieben.

Sie haben sich als neuen Erzbischof vor allem einen Seelsorger gewünscht, mit dem man reden kann. Meisner gab sich zwar nach außen hin jovial, doch er war und ist ein katholischer Hardliner und erzkonservativer Strippenzieher, der mit Worten und Auftreten die Gläubigen seiner eigenen Kirche häufig verletzte und aus dessen pointierten Stellungnahmen oft genug geradezu Hass auf die Freiheiten einer pluralistischen Gesellschaft und eines selbstbewussten Kirchenvolkes sprach.

Da ist Rainer Maria Woelki von anderem Kaliber. Zwar hängt ihm bis heute nach, dass Meisner ihn einst zu seinem Geheimsekretär machte, dass er als Ziehsohn des langjährigen Erzbischofs galt. Aber er hat Anspruch darauf, dass anerkannt wird, wie er selbst auftritt, welche Prioritäten er – erst recht in seinen drei Berliner Jahren – setzt. Die Reaktionen der engagierten Laien im Erzbistum Köln sprechen für sich. Da ist viel von Hoffnung die Rede. Die Erwartungen sind hoch. Berührungsängste hat der künftige Kölner Erzbischof jedenfalls nicht.

Die Gläubigen im größten deutschen Bistum sehnen sich nach Offenheit, nach Weite des Herzens und des Verstandes, nach Nächstenliebe und Barmherzigkeit statt dogmatischer Strenge und reaktionärem Bunkerdenken. Woelki wird für einen anderen Umgangston in seiner neuen Diözese sorgen. In innerkirchlich heftig umstrittenen Fragen hat er sich bislang allerdings nicht als Reformer profiliert. Jetzt steht er mehr denn je im öffentlichen Scheinwerferlicht – wie sonst nur der Vorsitzende der Bischofskonferenz.

Zum Münchener Kardinal Marx passt Woelki aber auch sonst ganz gut. Beide haben bislang deutlich konservative Positionen vertreten, zeigen sich aber gleichzeitig pragmatisch. Sie sehen sich den Erwartungen traditioneller wie reformfreudiger Katholiken ausgesetzt und lassen noch nicht erkennen, wie sie gegensätzlichen Haltungen gerecht werden wollen. Beide wissen, dass Bewegung nottut; wie weit sie gehen wollen, bleibt vorerst offen. Von Papst Franziskus müssten sie sich ermutigt fühlen. Vielfalt und Pluralismus in ihrer Kirche nur zu würdigen, reicht auf Dauer nicht. Marx und Woelki müssen deutlich Stellung beziehen und handeln – auch und gerade dort, wo es ihnen unangenehm ist.

p.pappert@zeitungsverlag-aachen.de

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