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Kommentiert: Eine Offenbarung

Ein Kommentar von Peter Pappert

Klartext aus dem Vatikan! Den gab es immer schon. Aber er hörte sich bislang anders an – jedenfalls, was die eigenen kirchlichen Angelegenheiten betrifft.

Das erste Lehrschreiben des neuen Papstes ist eine Offenbarung, wie sie von vielen Katholiken ersehnt und erwartet worden ist.  Mit Franziskus ist endlich ein Oberhaupt der katholischen Kirche bereit, jene Grundfrage zu klären, die seine Vorgänger nicht beantworten wollten oder durch Machtworte glaubten erledigen zu sollen und zu können. Es geht um das Verhältnis zwischen Weltkirche und Ortskirchen, darum wie päpstlicher Primat und Kollegialität der Bischöfe miteinander zu vereinbaren sind.

Franziskus nimmt die „Communio Ecclesiarum“, die das Zweite Vatikanische Konzil beschrieben hat, ernst: die Gemeinschaft von eigenständigen Kirchen, in der die Bischöfe nicht mehr Befehlsempfänger Roms sind, sondern Kollegen des Bischofs von Rom. Wenn daraus wirklich Konsequenzen gezogen werden, wird das die katholische Kirche verändern und ihr die Chance geben, wieder Strahlkraft auszuüben - und zwar auf jene, die sich gerne und mit Überzeugung an Jesus und dessen Botschaft orientieren, aber abgestoßen und angewidert sind von einer Institution, die meint, ihre Gläubigen hätten gefälligst und gehorsam Normen, Dogmen und sogar Sexualrichtlinien zu befolgen.

Ausdrücklich appelliert der Papst, seine Anregungen mutig aufzugreifen. Direkt im nächsten Satz heißt es aber, wichtig sei, „Alleingänge zu vermeiden“ und sich „besonders auf die Führung der Bischöfe zu verlassen“. Dieser großartige und großartig offene Mann beschreibt also noch selbst das Dilemma, in dem er und seine Amtsbrüder stecken - auch eine Art Offenbarung. Die Erwartungen derer, die Reformen in ihrer Kirche ersehnen, an Papst Franziskus sind unendlich hoch. Dass sie zu hoch sind, befürchtet er selbst.

Seinen Aufruf zu Barmherzigkeit und einer Kirche für die Armen verbindet Franziskus mit einer ebenso scharfen wie eindrucksvollen Philippika gegen die Auswüchse des hemmungslosen Kapitalismus‘, der nicht besiegt ist, sondern weiter ungeniert triumphiert. Das geschieht in einem Ton und einer Wortwahl, wie man sie hierzulande selbst von Sahra Wagenknecht nicht gewohnt ist.

Der Papst prangert „die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation“ an, Ausbeutung, Wegwerfkultur, und ein System, das Menschen ausschließt und als Müll behandelt. Er legt die Finger in Wunden, von denen man heute bei der Präsentation des schwarz-roten Koalitionsvertrages nichts hören wird. Denn darin geht es um die Ausstattung des Wohlstands und nicht um den Überlebenskampf der Ärmsten, denen sich Franziskus zuwendet.

Der Papst hat keine politische Macht, um die erforderlichen Konsequenzen aus seinen Anklagen zu ziehen. Aber welche Politiker hören auf ihn? Das müssten als erste jene sein, die über die meisten Kapazitäten sowie Einfluss und Macht verfügen; die sitzen unter anderem in Berlin. Sie loben den Papst und ignorieren dessen Maßgaben.

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