Kommentiert: Ein Armutszeugnis

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Kommentiert: Ein Armutszeugnis

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Ehrenamt. Ehrensache. Markus Nierth hat zu viel erwartet. Der Ortsbürgermeister des kleinen Dorfes Tröglitz in Sachsen-Anhalt glaubte daran, dass ihn die Landratsbehörde vor den Protesten rechtsextremer Demo-Touristen und einheimischer Mitläufer schützen würde.

Die Behörde, der Herr Landrat: Sie unternahmen nichts. Sie ließen die Sache laufen. Und die politischen Parteien und die Mehrheit der Dorfgemeinschaft reihten sich ein in diese Koalition falscher Bequemlichkeit.

Tröglitz ist ein Dorf mit rund 2700 Einwohnern und ein Beispiel dafür, wie desinteressiert, gleichgültig und aggressive Parolen billigende bürgerliche Minderheiten sich einrichten können. Der Ortsbürgermeister fühlte sich alleingelassen – zunächst, als er vor Weihnachten im Gemeindeblatt um Verständnis für den Zuzug von 40 Flüchtlingen bat, und dann, als der Landrat gar nichts gegen die vor dem Haus des Ortsbürgermeisters angekündigte Demo der Rechten unternahm.

Seit drei Monaten gibt es in Tröglitz „Spaziergänge“ gegen die Flüchtlinge. Zunehmend gesellten sich NPD-Mitglieder und Sympathisanten aus der rechten Szene dazu, die nicht in Tröglitz wohnen. Gegenaktionen? Fehlanzeige. „Hätte ich meinen Kindern, die in der letzten Zeit schon einiges ertragen mussten, zumuten sollen, dass vor ihren Kinderzimmern bewaffnete Polizisten stehen müssen, und zudem rassistische und hasserfüllte Parolen bis dorthin dringen?“

Diese Frage stellen zu müssen, darf einem Ehrenamtler grundsätzlich nicht zugemutet werden. Keine Unterstützung gegen die NPD-Agitation zu erfahren, kann man getrost als Totalausfall von Zivilcourage bezeichnen.

Wo blieben hier Aufschrei, Protest, Widerspruch? Darum, nicht aus Angst, trat der 46-jährige parteilose Theologe zurück. Für Menschen, die sich gerne uneigennützig engagieren, ist das wohl kaum Motivation.

Menschen einschüchtern, ihnen nicht helfen, sie nicht schützen gegen extreme Akteure, das sind fatale Signale aus einem kleinen Dorf, die ins ganze Land gesendet werden. Diese Haltung ist ein geistiges Armutszeugnis für eine kleinbürgerliche Gesellschaft und eine zimperliche Behörde. Immerhin hat am Dienstag der Kreistag mit Mehrheit entschieden, dass die 40 Asylbewerber aufgenommen werden. Nach dem Rücktritt wäre alles andere auch regelrecht unappetitlich gewesen.

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