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Kommentiert: Ehrlich trauern und den Terroristen nicht auf den Leim gehen

Ein Kommentar von Amien Idries

Die Erkenntnis ist leider nicht neu: Es reichen ein Wahnsinniger, ideologisch Verblendeter und/oder schlicht böser Mensch, ein Auto und ein Messer, um eine der ältesten Demokratien der Welt extrem zu verunsichern.

Dies gelingt einem Angreifer aber nur, wenn er all das mit der wichtigsten Waffe eines solchen Anschlags verknüpfen kann: der Symbolkraft. Ein symbolträchtiger Ort: das Parlamentsviertel in London. Ein symbolträchtiges Datum: der Jahrestag der schrecklichen Anschläge von Brüssel. Und damit unmittelbar verbunden: ein symbolträchtiges Motiv.

Hätte vorgestern ein psychotischer Atheist das Auto gesteuert und das Messer geführt, so wäre die Debatte heute eine andere. Auch wenn wir noch nicht alles über den Täter und mögliche Hintermänner wissen, sicher scheint zu sein, dass man den Attentäter dem islamistischen Spektrum zuordnet (was übrigens nicht ausschließt, dass er auch psychotisch war). Und erst durch den Islam oder durch das, was der Attentäter unter dem Islam verstanden haben mag, gewinnt der Anschlag seine Durchschlagskraft.

Das übrigens bereits sofort nach dem Attentat. Zu einem Zeitpunkt also, als man zu den Motiven noch gar nichts sagen konnte. Die Tat ist da. Die Assoziation ist da. Die Angst ist da. Das gehört zum Kalkül der Terroristen und ist nicht wegzudiskutieren. Erst durch die Verbindung mit dem Islam gewinnt der Anschlag eine Bedeutung. Erst durch ihn wird er relevant.

Für die Netzgemeinde und auch für die klassischen Medien, die immer in dem Dilemma stecken, einerseits berichten zu müssen und sich so andererseits zum Instrument der Terroristen machen lassen. Deren Ziel waren ja nicht die vier Toten und die 40 Verletzten von Westminster, sondern die Schlagzeilen dieser Welt.

Dieses Dilemma lässt sich nicht auflösen. Genauso wenig wie man 100-prozentigen Schutz erreichen kann. Die Briten sind Weltmeister der Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen. Sie haben eine Vorratsdatenspeicherung, die von Kritikern als „extremstes Überwachungsgesetz, das bislang in einer Demokratie verabschiedet wurde“, bezeichnet wurde. Auch eine sehr restriktive Asylpolitik, wie sie in Großbritannien praktiziert wird, hilft offensichtlich nicht als Schutz gegen solche Attacken. Vor allem, weil der Täter in Großbritannien geboren wurde.

Was also tun? Wir wissen noch nicht genau, inwieweit der sogenannte Islamische Staat tatsächlich mit dem Anschlag in Verbindung gebracht werden kann. Wir wissen aber, dass der IS im Irak und in Syrien unter gewaltigem militärischen Druck steht. Selbst die Hochburg Rakka könnte bald eingenommen werden. Viele Terrorexperten halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Aktivitäten des IS oder IS-Sympathisanten in Europa gerade wegen dieses Drucks zunehmen werden. Auch, weil der IS offensichtlich versteht, wie man mit minimalen Mitteln die westliche Gesellschaft maximal verunsichern kann.

Der einzige Schutz besteht also darin, sich der Symbolkraft soweit es geht zu entziehen. Dazu gehört, dass Medien, die hierzulande höchst unterschiedlich berichten, jeden Tag besonnen entscheiden, wie sie den Terroristen Platz einräumen. Es gilt aber auch für ganz normale Menschen, die durch die neuen Medien ebenfalls zu Sendern werden und entscheiden können, ob sie Teil der Verstärkungsmaschine werden wollen.

So bizarr es klingen mag: Auch die islamistisch motivierten Attentate haben dazu geführt, dass die Symbolkraft abnimmt. Nach dem Schock des Bataclan-Anschlags, dem Entsetzen über die Attentatsserie in Brüssel und die Trauer um die Opfer von Berlin, hat eine gewisse Abgeklärtheit eingesetzt. Wer die Bilder der Toten und Verletzten aus Paris ertragen musste, den kann so schnell nichts anderes mehr in seinen Grundfesten erschüttern.

Das ist einerseits gut, weil so den Terroristen ein Stück weit ihre Macht über unsere Köpfe genommen wird, andererseits darf es nicht zu einer emotionalen Abgestumpftheit führen. Denn – daran sollten wir denken – vorgestern sind in London drei unschuldige Menschen gestorben. Unabhängig von der politischen Debatte muss und sollte um sie ehrlich getrauert werden.

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