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Kommentiert: Eher Bürde als Würde

Ein Kommentar von Amien Idries

Angela Merkel dürfte Freitagvormittag hörbar aufgeatmet haben: kein Friedensnobelpreis. Glück gehabt!

Denn so renommiert dieser Preis auch ist und so gebauchpinselt sich wohl auch die Kanzlerin gefühlt hätte, für aktive Politiker ist dieser Preis eher Bürde als Würde. Vor allem innenpolitisch. Das gilt nicht erst seit der Verleihung an Barack Obama, die dem frisch gewählten US-Präsidenten 2009 im Ausland Sympathien zutrug, innerhalb der USA aber seinen Ruf als machtscheuen Politiker verstärkte.

Dies vertiefte die politischen Gräben in den USA und spielte durchaus eine Rolle bei der zumindest in der ersten Obama-Legislatur gelähmten US-Politik.

Auch für Merkel hätte der Preis innenpolitische Auswirkungen gehabt. Dies wohlgemerkt zu einer Zeit, die als die schwierigste ihrer Kanzlerschaft in die Geschichte eingehen könnte. Merkel hat sich in der Flüchtlingspolitik positioniert, wird als gutmenschelnde Landesverräterin beschimpft und kann den amtlichen Stempel Friedensengel aus Oslo derzeit überhaupt nicht gebrauchen. Der hätte nur die Angriffsfläche für ihre politischen Gegner vergrößert, zu denen man inzwischen auch den CSU-Chef Horst Seehofer zählen muss.

Hinzu käme, dass Diskussionen über die Frage, ob ihr der Preis überhaupt zusteht, die Bewältigung der anstehenden Probleme erschwert hätte. „Ist diese Politik einer Friedensnobelpreisträgerin würdig?“, hätte als Frage über jede ihrer Entscheidungen geschwebt. Realpolitik und die Ideale des Nobelpreises vertragen sich eben häufig nicht. Auch diese Erkenntnis hat der Fall Obama gebracht, der aus kontinentaleuropäischer Sicht allzu sehr idealisiert wurde, und dessen Bomben jüngst auf ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen in Kundus niedergingen. Da warf der Friedensnobelpreisträger von 2009 Bomben auf den von 1999, eben jene Ärzteorganisation.

Das Nobelkomitee hat aber nicht nur der Kanzlerin einen Gefallen getan, sondern auch sich selbst. Bislang ging fast jede Verleihung an einen Berufspolitiker derart geräuschvoll über die Bühne, dass die Idee des Preises Schaden erlitten hat.

Auftrag an die Menschheit

Anstatt also mit einem Paukenschlag einen der Großen der Weltpolitik zu ehren, nimmt das Komitee mit dem Quartett für den nationalen Dialog aus Tunesien zivilgesellschaftliches Engagement in den Blick. Es erinnert in Zeiten der gescheiterten Staaten von Libyen bis Syrien daran, dass der Arabische Frühling nicht überall zum Winter geworden ist. Ein gutes Zeichen, dass Hoffnung nicht nur nach Tunis, sondern auch in andere Teile der arabischen Welt sendet. Ein Zeichen aber auch, dass als Auftrag an die Menschheit verstanden werden kann: Frieden ist nicht in erster Linie eine Aufgabe der Staatsmänner und -frauen, sondern eine mitunter mühsame Dialogarbeit, die vor allem auf zivilgesellschaftlicher Ebene geleistet werden muss.

Das gilt übrigens nicht nur für den arabischen Raum, sondern auch für Europa. Gerade in der emotionalen Flüchtlingsdebatte wünscht man sich mehr Stimmen, die nicht aufwiegeln, sondern das Gespräch suchen. Stimmen, die Frieden stiften. Insofern hat der Preis vielleicht mehr mit Merkel und Deutschland zu tun, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

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