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Kommentiert: Die wichtigste Frage

Ein Kommentar von Karl-Peter Hermanns

Wie würde ich mich entscheiden? Wenn ich unheilbar krank wäre, wenn es keine Chance auf Besserung gäbe? Wenn der Rest meines Lebens nur noch ein Dahinsiechen wäre?

Wäre der Tod eine Erlösung – wie es auf manchen Traueranzeigen steht? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich mit der Entscheidung, mir ein todbringendes Mittel bereitzustellen, einen nahen Angehörigen belasten dürfte. Oder einen Arzt. Welchen Gewissensqualen würde ich sie mit meinem Wunsch aussetzen?

Diese Fragen kann wohl nur beantworten, wer in der entsprechenden, aussichtslosen Situation ist. Ich kann es derzeit nicht.

Aber das Thema ist virulent. Dank enormer medizinischer Fortschritte können Menschen heute viele Krankheiten überstehen. Was früher nicht zu lindern, geschweige denn zu heilen war, kann heute in vielen Fällen therapiert werden – bis zu einem gewissen Grad. Aber irgendwo stoßen auch Ärzte an ihre Grenzen, mögen sie auch immer weiter hinausgeschoben werden.

Und dann kommt der Punkt, über den Politik und Gesellschaft seit vielen Jahren diskutieren: Sterbehilfe. Was soll, was darf erlaubt, was verboten werden? Der Bundestag erlebte am Freitag bei der Debatte und vor allem in der Abstimmung eine seiner seltenen Sternstunden. In freier Gewissensentscheidung – also in dem, was das Grundgesetz den Abgeordneten vorgibt – wurde nach leidenschaftlichem Wortwechsel mit absoluter Mehrheit beschlossen, was erlaubt ist und was verboten bleibt.

Dass dabei Grauzonen entstehen, dass nicht jede Handlung, vor allem von Ärzten, juristisch eindeutig festgelegt ist, mögen manche bedauern. Es gehört zu dieser schwierigen Materie, dass es kein reines Schwarz oder Weiß gibt. Kein absolutes Richtig oder Falsch. Es bleibt immer ein ungutes Gefühl. Denn am Ende steht der Tod – vielleicht nur um wenige Tage oder Wochen vorgezogen. Aber bewusst herbeigeführt.

Ich habe Verständnis für jeden Todkranken, der sich für diese Art der Erlösung entscheidet, und für jeden, der diese Bitte um das tödliche Medikament dann erfüllt. Und ich hoffe, dass die Sterbehelfer nicht später selber leiden, weil sie im Nachhinein an ihrer Haltung zweifeln und unter Gewissensbissen leiden.

Es bleiben so viele Fragen offen. Die vielleicht wichtigste: Wie würde ich mich entscheiden? Darüber sollte jeder einmal nachdenken.

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