Kommentiert: Die Strategie fehlt

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Kommentiert: Die Strategie fehlt

Ein Kommentar von Anja Clemens-Smicek

Lange Zeit dachte die westliche Welt, die Gräueltaten von Al-Kaida und Taliban seien nicht zu übertreffen. Die selbsternannten Gotteskrieger der IS zeigen, dass es immer noch schlimmer geht.

Auch wenn die Vorstellungskraft einer humanistisch geprägten Gesellschaft an ihre Grenzen stößt, wenn Augenzeugen von Kindern berichten, die massakriert oder bei lebendigem Leib verscharrt werden. Da der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ebenso unfähig wie despotisch agiert, ist die militärische Intervention der Staatengemeinschaft alternativlos. Einzig, sie erfolgt viel zu spät, denn durch das anfängliche Zaudern von US-Präsident Barack Obama konnte sich die Krise erst zu einer Katastrophe entwickeln.

Jetzt geht es schlicht darum, das Grauen schnell zu beenden. In letzter Konsequenz geht es aber um unser aller Sicherheit. Sollte es nicht gelingen, das Zweistromland zu stabilisieren, kann aus der Horrorvorstellung, dass bestens ausgerüstete Dschihadisten aus aller Welt im Irak ein riesiges Rückzugsgebiet finden, von wo aus sie ihre Feldzüge starten, schnell schreckliche Realität werden.

Doch wenn man ein Land von einem Unterdrücker gleich welcher Art befreit, dann übernimmt man zwangsläufig die Verantwortung für den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau. Dieser Aufgabe haben sich die USA nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland herausragend gestellt, nach ihrem ersten Feldzug im Irak haben sie komplett versagt. Den Irak der Regierung al-Maliki zu hinterlassen, die die Sunniten im Land marginalisierte und die Christen schutzlos zurückließ, war in etwa so, als hätte man 1949 einen Nazi-Schergen als ersten Bundeskanzler eingesetzt.

Der Westen muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass ihm jegliche Strategie im Umgang mit den Islamisten fehlt. Da wurden in den vergangenen Jahren mit internationaler Hilfe tiefgreifende Umbrüche in der islamischen Welt initiiert – angefangen beim Irak, über Afghanistan bis hin zu den Ländern des Arabischen Frühlings. Die Despoten waren schnell gestürzt. Doch wo war die Vision für die Zeit danach? Fehlanzeige! Regierungen, die die Interessen der unterschiedlichen Volksgruppen und Religionen berücksichtigen und die die dringend benötigte Politik der Versöhnung betreiben, sucht man seither vergebens.

Stattdessen hat der fast schon naive Umgang gerade mit den Radikal-Islamisten dazu geführt, dass sich der Nahe Osten in rasender Geschwindigkeit von einem Krisenherd zu einem offenen Kriegsschauplatz entwickelt hat. Millionen Menschen sind auf der Flucht, Provinzdespoten ergehen sich in Großmachtphantasien. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass Afghanistan das nächste Land sein wird, das nach dem Abzug der internationalen Truppen in eine Steinzeit-Ära zurückfallen wird.

Der IS ist kein Feind des Westens und seiner Kultur, er ist Feind der Menschheit. Das sollte niemand vergessen.

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