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Kommentiert: Die richtige Wahl

Ein Kommentar von Amien Idries

Man traut sich als skeptischer und immer das Haar in der Suppe suchender Journalist kaum, ein vorbehaltloses Lob auszusprechen. Dennoch: Das Nobelkomitee hat mit seiner Wahl in diesem Jahr alles richtig gemacht.

Aus mehreren Gründen: E Das Thema: Wir erleben vor allem wegen der Auseinandersetzungen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump eine Renaissance von etwas, das man Atomwaffen-Mentalität nennen könnte. Gegenseitige Drohungen mit atomaren Erstschlägen wirkten lange Zeit wie längst überkommene Relikte aus der Ära der bipolaren Weltordnung. Ein Chruschtschow, der den USA mit Atomkrieg drohte, oder ein Nixon, der einen Atombombenabwurf auf Vietnam ernsthaft in Erwägung zog. Das alles glaubten wir längst überwunden zu haben.

Dass der Diktator aus Nordkorea gedanklich im Kalten Krieg hängen geblieben ist, verwundert kaum, weil er innenpolitisch von der Konfrontation mit den „bösen“ USA profitiert. Dass aber ein amerikanischer Präsident sich wieder auf ein derart gefährliches Eskalationsspiel der Worte einlässt, hätte vor zwei Jahren wohl kaum jemand für möglich gehalten. Genau deshalb ist es gut, dass das Komitee anti-atomare „Träumer“ auszeichnet.

Die Preisträger: Bei jedem Preis stellt sich die Frage, wer wen ehrt? Der Preis den Preisträger oder doch eher der Preisträger den Preis? Es ist gut, dass das Nobelkomitee auch in diesem Jahr dem Impuls widerstand, einen großen Namen zu ehren, in der Hoffnung, dass viel Glanz auf den Namen Nobel zurückfällt. Nein, anders als bei so manchem Feld- und Wiesenpreis, bei dem es weniger darum geht, den Preisträger zu ehren, als vielmehr darum, die Popularität des Preises durch Prominente zu erhöhen, sollte der Nobelpreis es sich leisten, relativ unbekannte Initiativen zu ehren.

Im Gegensatz zu Obama, der EU oder Al Gore kann die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) das Renommee und vor allem das Geld aus Oslo sehr gut gebrauchen.

Die Botschaft: Nicht wenige werden „Ican“ idealistisch-naive Träumerei vorwerfen und zum Schluss kommen, dass der Nobelpreis wohl kaum das Machtgebaren von Jong Un oder Trump verändern wird. Das stimmt, ist aber ein ziemlich schwaches Argument, weil es das Verhalten von zwei der derzeit wohl seltsamsten Regierungschefs zum Maßstab erhebt.

So wie das chinesische Regime 2010 den Nobelpreis für Liu Xiaobo als westliche Interessenpolitik brandmarkte, wird auch die nordkoreanische Junta versuchen, aus dem Preis für Atomwaffengegner innenpolitische Legitimation zu ziehen.

Und auch Trump und seine Anhänger dürften vom Friedensnobelpreis nicht allzu viel halten, schon alleine weil Barack Obama, Erzfeind der neorechten Bewegung in den USA, zu den Preisträgern zählt. Hier wie dort zählt die Politik der (vermeintlichen) Stärke, während der Nobelpreis als ein Preis für Schwäche stigmatisiert wird. Was übrigens nicht verhindert hat, dass Trump von einem seiner Anhänger für seine Ideologie „Frieden durch Stärke“ nominiert wurde.

Gegen die Doppelmoral

Das Schöne an den diesjährigen Preisträgern ist dann auch nicht, dass sie Trump und Jong Un die Stirn bieten, was ziemlich einfach ist und von vielen Seiten Applaus bringt. Nein, „Ican“ richtet sich vor allem an die Doppelmoral mancher westlicher Länder. Die plädieren einerseits stets für Abrüstung und nukleare Mäßigung etwa in Richtung Iran, haben aber andererseits den UN-Vertrag zur weltweiten Ächtung von Atomwaffen aus dem Juli nicht verabschiedet.

Zu diesen Staaten gehört auch Deutschland. Hierzulande sind in der Eifel weiterhin US-Atomwaffen stationiert, die im vergangenen Jahr auf Geheiß von Obama und ohne Widerrede aus Berlin modernisiert wurden. Im Ernstfall würden übrigens deutsche Piloten diese Nuklearwaffen abwerfen müssen.

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