Kommentiert: Die Grünen und der Lärm um ein sensibles Thema

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Kommentiert: Die Grünen und der Lärm um ein sensibles Thema

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Was würde Jürgen Trittin sagen? Was würde er selbstzufrieden und überheblich dem politischen Gegner genüsslich an den Kopf werfen? Mit welcher Moralkeule würde er laut vernehmbar durch die Wahlkampf-Lande ziehen, wenn das Thema Straffreiheit für Sex zwischen Kindern und Erwachsenen kein grünes, sondern in der Vergangenheit ihrer Geschichte ein programmatisches Problem der Union oder der FDP gewesen wäre?

Und ein ganz persönliches der jeweiligen Spitzenkandidaten? Man denke nur an die wochenlange Empörung über Rainer Brüderles unseligen Auftritt an einer Hotelbar gegenüber einer jungen Journalistin.

Man kann es sich gut vorstellen, ja sich in allen Gesichtszügen und allen Worten die inszenierte Empörung ausmalen. Nun steht der Oberkritiker vom Dienst selber im Kreuzfeuer. Und mit ihm seine komplette Partei – die Grünen. Nein: Trittin hat 1981 keine Straftat begangen, beileibe nicht. Rücktrittsforderungen sind deshalb überflüssig und fast schon lächerlich.

Trittin hat aber einen großen politischen Fehler gemacht, als er presserechtliche Verantwortung für ein unfassbar bescheuertes kommunales Programm übernahm. Das räumt er nun entschuldigend ein, aber nicht ganz freiwillig, nicht früh genug, nicht nach einem Prozess der Selbstreflexion. Am liebsten hätte er weiter geschwiegen. Er, der Spitzenkandidat der Partei, die mehr als jede andere als selbst ernannte Moralinstanz für Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit eintritt.

Die Führung dieser Partei hat ihre Basis diesmal nicht informiert. Sie hat nicht in gebotener Ernsthaftigkeit mit ihr über dieses unangenehme Thema diskutiert. Sie hat nicht über die unfassbare Forderung, Kinderschändern Straffreiheit für ihre perversen Neigungen zu gewähren, gesprochen. Sie hat stattdessen gehofft, das schwerwiegende Thema irgendwie über den Wahltermin zu schieben.

Es spricht für die Grünen, dass sie einen unabhängigen Wissenschaftler, Franz Walter aus Göttingen, mit der Prüfung dieses Teils ihrer Vergangenheit beauftragt haben. Das geschah erst nach einer Zeit des Beschönigens und Verharmlosens – auch rund um Daniel Cohn-Bendits pädophile Fantasien. Der Auftrag wurde im Mai dieses Jahres mit erheblicher Verspätung erteilt. Die ersten Ergebnisse sollten erst 2014, also nach der Bundestagswahl, veröffentlicht werden.

Daran hat sich Franz Walter nicht gehalten. Der erklärt prompt, wie sehr ihn das Schweigen bei den Grünen, aber auch bei früheren jungen Liberalen, linksliberalen Publizisten und Pädagogen, irritiere. „Niemand möchte reden.“

Was veranlasst angesichts solcher Tatsachen SPD-Chef Sigmar Gabriel, ungefragt den Grünen seinen „großen Respekt“ zu erweisen? Nicht nur einfach Respekt, sondern ausdrücklich „großen“. Was treibt die grüne Vorsitzende Claudia Roth an, sich so schrill auf die Unionsparteien zu stürzen und ihnen „Scheinheiligkeit“ vorzuwerfen, indem sie zweifellos total überholte und intolerante Äußerungen stockkonservativer Politiker zur Homosexualität auf eine Stufe mit Kindesmissbrauch stellt? Das kann man auch mit der Hektik des Wahlkampfes nicht rechtfertigen.

Überhaupt: Das Thema eignet sich nicht zur üblichen Wahlkampf-Rhetorik; das hätten auch Politiker von Union und FDP differenzierter, damit kompetenter und wesentlich wirksamer praktizieren können und müssen. Es bleibt allerdings dabei, dass die Grünen Aufklärungsarbeit leisten müssen, auch nach der Wahl. Und es bleibt der Satz von Claudia Roth: „Von all denen müssen wir Grünen uns nicht sagen lassen, was Moral ist.“ Doch, Frau Roth, in diesem Fall schon.

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