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Kommentiert: Die Grünen entdecken ihre Klientel wieder

Ein Kommentar von Amien Idries

Wären die Grünen Wall-Street-Broker, so wären sie derzeit überaus erfolgreich. An der Börse nämlich kann man vom antizyklischen Denken profitieren. Also Aktien kaufen, wenn niemand sie haben will, um sie dann, wenn die Nachfrage wieder da ist, zu verkaufen.

Da die Grünen aber eine Partei sind, müssen sie sich dem politischen Zeitgeist stellen. Und der meint es seit längerer Zeit wahrlich nicht gut mit ihnen. Womit wir wieder beim antizyklischen Denken wären. Vor vier Jahren etwa hatten die Grünen als großes Thema die soziale Gerechtigkeit ausgegeben. Doch was immer die damaligen Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und vor allem Jürgen Trittin taten, das Thema wollte beim Wahlvolk einfach nicht zünden.

Nun, vier Jahre später, ist genau dieses Thema in aller Munde. Vor allem die SPD hat es für sich (wieder-)entdeckt, weil es die Mutmaßung gibt, dass die Erfolge der AfD viel mit der sozialen Spaltung im Land zu tun haben. Nun fliegen die Sozialdemokraten von Umfragehoch zu Umfragehoch und die Grünen verlieren im Gegenzug ebenso regelmäßig.

Zur falschen Zeit aufs richtige Pferd gesetzt, könnte man als Grüner sagen und nun erst recht das Soziale zum Kernthema des Wahlkampfes machen. Stattdessen werden – überspitzt ausgedrückt – die Birkenstock-Sandalen und Grünkernfrikadellen wieder rausgekramt, um die Kernwählerschicht mit dem traditionellen Umwelt-Thema zu beackern.

Das mag nicht sonderlich erfrischend wirken, ist aber bei denkbar schlechten Voraussetzungen die einzige Chance, die die Partei hat. Dass das soziale Thema vor vier Jahren nicht gezündet hat, liegt wohl auch darin begründet, dass es trotz der viel beschworenen Auflösung der Parteienklientel offensichtlich doch noch so etwas wie Stammwählerschaft gibt.

Die der Grünen rekrutiert sich stark aus dem Bildungsbürgertum und hatte offensichtlich einige Probleme mit einem Spitzensteuersatz von 49 Prozent ab einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro. Deutlich größere jedenfalls als die klassischen SPD-Wähler, die in Teilen auf eine solche Programmatik zu warten scheinen.

Fakt ist, wir erleben in diesen turbulenten Zeiten allenthalben einen Rückzug auf traditionelle politische Positionen. Die Union rückt vor allem unter dem CSU-Einfluss ein wenig nach rechts, die SPD entdeckt alte sozialdemokratische Tugenden wieder, und die Grünen setzen nun eben in erster Linie auf die Umwelt.

Das liegt bei den Grünen auch daran, dass sie endgültig auf dem Boden der Tatsachen angekommen sind. Sie dürften inzwischen realisiert haben, dass sie nach dem Fukushima-Schock in Wahlen und Umfragen überbewertet waren. Während sich manche schon auf dem Weg zur neuen Volkspartei sahen, dürfte man im September 2017 bereits mit einem knapp zweistelligen Ergebnis hochzufrieden sein.

Auch in Sachen Koalition sind die Grünen in der Realität angekommen. Sie halten mit ihrem Programm die Tür in Richtung Rot-Rot-Grün offen, erwähnen etwa die Vermögensteuer und verlangen Gerechtigkeit, ohne freilich allzu konkret zu werden.

Das Gedankenexperiment Schwarz-Grün erhält hingegen eine klare Absage. Das liegt vor allem an der Flüchtlingspolitik, in der sich die Grünen gegen den derzeitigen politischen Mainstream stellen, was sich auch an der Bundesrats-Entscheidung von Freitag zu Nordafrika erkennen lässt. Auch hier denken die Grünen offenbar antizyklisch.

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