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Kommentiert: Die fatalen Folgen eines schottischen Austritts

Ein Kommentar von Anja Clemens-Smicek

Heute ist fraglos ein Schicksalsdatum. Nicht nur für die britische Geschichte, sondern für ganz Europa.

Wenn sich die schottischen Wähler in ihrem Plebiszit tatsächlich dafür entscheiden sollten, „Great Britain“ den Rücken zu kehren, hat das weitreichende Folgen über die Insel hinaus. Denn andere Sezessionsbefürworter lauern schon. Überall in Europa warten sie nur darauf, ein Vorbild für ihre eigenen Abspaltungsbestrebungen zu finden.

Einem Ja der Schotten dürfte ein Dammbruch folgen. Die Katalanen werden alles daran setzen, sich vom ungeliebten Spanien abzutrennen. Die Flamen werden sich genauso ermuntert sehen, sich von Belgien loszusagen wie die Südtiroler ihrerseits von Italien. Und wer will es dann den Basken verwehren, einen eigenen Staat zu gründen? Oder spinnen wir den Faden weiter und denken an viele bayerische Landsleute, die es bis heute nicht verwunden haben, dass ihr Traum vom immer währenden Königreich mit Ludwig II. im Starnberger See versunken ist. Auch wenn das eigentliche Aus dann erst 1918 folgte. Das als Hirngespinst weggelegte Buch des CSU-Politikers Wilfried Scharnagl, der behauptet, „Bayern kann es auch allein“, könnte sich da schnell zu einer möglichen Variante entwickeln.

Rückfall in Kleinstaaterei

Seien wir ehrlich: Haben wir gerade in diesen Zeiten keine anderen Sorgen? 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs werden wieder Mauern hochgezogen, die Waffen sprechen, es droht ein neuer Kalter Krieg. Auch die Schuldenkrise ist längst noch nicht überwunden. Da benötigen wir ein starkes, ein geeintes Europa. Einen Rückfall in längst vergangene Kleinstaaterei können wir wahrlich nicht gebrauchen.

Die Schotten mögen triftige Gründe dafür sehen, 300 Jahre britische Geschichte rückabwickeln zu wollen. Sicherlich hat auch Premierminister David Cameron mit seiner Politik der großen Ignoranz dazu beitragen, dass sich die Schotten von London entfremdet haben.

Doch dieses Mal zieht das Argument nicht, dass die zentralistische Regulierungswut aus Brüssel schuld ist an den gegenwärtigen Unabhängigkeits- und Autonomiebestrebungen auf dem europäischen Kontinent. Fraglos fühlen sich viele Bürger von der EU ans Gängelband gelegt. Von der Demokratie der kleinen Räume, in der die Bevölkerung über das entscheidet, was sie direkt angeht, ist allzu oft nichts zu spüren. Der Vertrag von Lissabon ist da nie mit Leben gefüllt worden.

Schwerer Schlag für die EU

Wenn wir jetzt schon eine Lehre aus dem Schottland-Referendum ziehen wollen, dann jene, dass die Nationalstaaten die regionalen Entscheidungskompetenzen weiter stärken müssen. Eine Abspaltung ist dennoch der falsche Weg, denn den allesamt prosperierenden Regionen – da ist Schottland keine Ausnahme – geht es in erster Linie darum, ihre wirtschaftliche Stärke nicht teilen zu müssen. Gerade das Miteinander und sind Füreinandereinstehen sind aber wichtige Teile des europäischen Gedankens.

Sollte das Vereinigte Königreich heute auseinanderfliegen, hätte das für Großbritannien verheerende Folgen. Man würde nicht nur fünf Millionen Einwohner und große Wirtschaftskraft verlieren; auch der Status als Nuklearmacht wäre gefährdet. Zudem stünde Londons Rolle im UN-Sicherheitsrat und in der Nato auf dem Prüfstand.

Ohne Schottland ist ebenfalls der Verbleib Großbritanniens in der EU fraglich. Träte Rest-England bei dem geplanten Plebiszit 2017 aus, wäre das ein schwerer Schlag für die Europäische Union.

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