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Kommentiert: Die Augen bleiben zu

Ein Kommentar von Heribert Förster

Glückwunsch zur Wiederwahl, Herr Blatter. Das gehört sich so unter Sportlern. Aber ohne den Zusatz „herzlichen“.

Ein Wunsch wäre noch ein glücklicher Moment der Einsicht beim mächtigen Präsidenten des Fußball-Weltverbands, dass Joseph „Sepp“ Blatter das vollzieht, was (fast) die ganze (westliche) Welt von ihm erwartet: den Rücktritt. Stattdessen darf der 79-Jährige auch in den kommenden vier Jahren weiter wurschteln, mauscheln, taktieren, Geld scheffeln. Auch wenn die Wiederwahl nicht so triumphal war wie gewohnt und noch vor wenigen Tagen erwartet. Weitere vier Jahre wird sich Hass und Spott, Häme und Empörung und vieles mehr über dem Schweizer entladen. Er wird es wegstecken, lächelnd, in seiner ihm eigenen Mischung aus Ignoranz und Hochmut. Joseph Blatter liebt nichts mehr als die Macht, und von ihr scheint er nicht lassen zu können. Wahrscheinlich muss man ihn zwingen – mit allen legalen Mitteln (dieser Hinweis ist bei der Fifa zwingend erforderlich). Und damit wären wir beim europäischen Verband. Was die Uefa in diesen Tagen in Zürich geboten hat, wird Blatter animiert haben, trotz der gewaltigen Skandalwelle im stillen Kämmerlein zu feixen. Über die Harmlosigkeit des zahnlosen Tigers namens Uefa.

Mein Fußball-Gott: Taten statt Worte sind gefordert, um das korrupte System endlich zu zerschlagen. Niemand zwingt eines der aktuell 209 Länder, Mitglied im Fußball-Weltverband zu bleiben. Tretet aus! Lasst Blatter allein! Wahrscheinlich helfen nur solch' rigorose Schritte – mit Drohungen, Ankündigungen von möglichen Boykott-Maßnahmen und betroffen vorgetragenem Entsetzen ist es längst nicht mehr getan. Die Uefa muss handeln! Ohne sie läuft im Weltfußball nichts, da können sich afrikanische und asiatische, nord-, mittel- und südamerikanische Verbände noch so sehr mit Blatter solidarisieren. Ihnen geht es um das, was der Präsident auch so sehr liebt. Nein, nicht um den Fußball, ums Geld, das Blatter auch in Zukunft wieder reichlich an seine Sympathisanten fließen lässt.

Tretet aus, lasst Russland allein, dann wird die Gruppe D bei der WM 2018 in Wladimir Putins Reich eben von Mannschaften aus dem Tschad, Osttimor, Belize und von den Fidschi-Inseln gebildet. Bei allem Respekt: Sehen will das keiner, also wird es nicht übertragen und die Fifa bekommt kein Geld. Keines vom Fernsehen, keines von Sponsoren (weil es eine Cola bei McDonalds mit der Visacard in diesen Ländern nicht zu kaufen gibt).

Man kann es nicht besser als salopp beschreiben: Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken! Wenn Blatter nichts gewusst hat von den skandalösen Tätigkeiten seiner Kollegen, ist er als Chef untragbar. Hat er es gewusst (natürlich hat er es gewusst!) ebenfalls. So einfach ist das. Und mit Joseph „Sepp“ Blatter ist ein notwendiger Wandel in der Fifa nicht zu vollziehen. Das weiß die Uefa, doch werden sich die europäischen Verbände gegen Blatter und seine Macht stemmen?

Sie werden es nicht tun, und wenn am kommenden Wochenende rund um das Champions-League-Finale in Berlin eine Sondersitzung stattfindet, wird – nichts passieren. Dass Uefa-Boss Michel Platini „alle Möglichkeiten ins Auge fassen will“, heißt nur, dass „alle Möglichkeiten ins Auge gefasst werden“. Aber passieren wird nichts. Die Augen bleiben geschlossen. Die WM wird nicht boykottiert. Es wird alles bleiben wie es ist. Glückwunsch, Herr Blatter.

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