Kommentiert: Die Amateure

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Kommentiert: Die Amateure

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Mag sein, dass manche ihn für bieder halten. Man kann es auch positiv ausdrücken: Er kommt ebenso zurückhaltend wie verbindlich daher. Seine Antworten sind nicht vorgestanzt, sondern überlegt, nicht spontan, sondern austariert, zuweilen gewiss routiniert. Das muss kein Nachteil sein, weil er durchaus die Kategorie Klartext beherrscht.

DFB-Präsident Reinhard Grindel war in dieser Woche zu Gast in unserer Region und traf in Stolberg-Breinig mit Vereinsvertretern mehrerer Fußballklubs zusammen – mit sogenannten Amateuren. Sie sind jedoch tatsächlich trotz ihres Amateurstatus Profis, wenn es um Sozialarbeit, Integration, Kinder- und Jugendbetreuung, Organisation, Vereinsbürokratie und andere gesellschaftspolitische Phänomene geht. Sie sind, so formulierte es bei dem Treffen mit dem DFB-Chef ein Hauptkassierer, längst vom Fußballverein zum Dienstleister geworden.

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes weiß das. Er selber kommt aus Verhältnissen, die gerne Basis genannt werden. Grindel ist Mitglied des Rotenburger SV, der seit dem Abstieg im Jahr 2015 in der Landesliga Lüneburg spielt. Der Wechsel an der DFB-Spitze vom smarten Wolfgang Niersbach zu ihm war eine Zäsur für den größten nationalen Sportverband der Welt. Und er war aus mehreren Gründen wichtig und richtig.

Niersbach wurde in seiner Amtszeit von den bislang nicht wirklich aufgeklärten „Aktivitäten“ rund um die WM-Vergabe 2006 eingeholt. Sein Rücktritt war konsequent und überfällig. Dass Grindel sein Nachfolger wurde, ist ein Dokument der Entschlusskraft: Während die Profi-Funktionäre umständlich darüber diskutierten, wen sie ins Rennen schicken sollten, schlugen die Amateure Grindel vor. So wird man was, auch DFB-Präsident.

Probleme haben die Amateure reichlich und häufig das Gefühl, dass sie von der Politik unzureichend unterstützt werden. Längst müssen sie in unserer nicht mehr so vornehmen Gesellschaft gerade im Amateursport erschreckende Begleiterscheinungen registrieren: Schiedsrichter, die auf übelste Art beschimpft werden; Eltern, die übertrieben ehrgeizig sind und sogar aggressiv werden; fehlende ehrenamtliche Kräfte. Manches Erziehungsdefizit aus manchem Elternhaus können Jugendtrainer und Betreuer ebenfalls nicht so ohne weiteres ausgleichen. Dafür sind sie auch nicht da.

Der Maßstab

Der DFB-Chef hat versprochen, sich weiter darum zu kümmern, Dinge anzusprechen und sie zu verbessern. Daran wird er so intensiv gemessen, wie an seinen internationalen Erfolgen, wenn es etwa um die Vergabe der Europameisterschaft 2024 geht. Dass er in der Lage ist, sich mit Sportsfreunden wie dem Uefa-Präsidenten Gianni Infantino anzulegen, hat er bewiesen, als er ihn ermahnte, vom Reformprozess nicht „nur zu sprechen, sondern ihn tatsächlich mit Inhalten und Leben“ zu füllen.

Wenn Grindel diesen Maßstab an sein Engagement für die Amateurvereine anlegt, leistet er viel für die Ehrenamtlichen. Ihnen an diesem Wochenende und nach dem Besuch des höchsten deutschen Fußball-Repräsentanten einmal Dank auszusprechen, das sollte auch an dieser Stelle selbstverständlich sein – stellvertretend für die vielen Menschen, die sich uneigennützig für andere einsetzen.

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