Kommentiert: Der Wortkünstler

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Kommentiert: Der Wortkünstler

Ein Kommentar von Thomas Thelen

Wenn ein Mensch stirbt, der in seinem Leben Bedeutendes zu sagen hatte, dann heißt es gerne, eine wichtige Stimme sei für immer verstummt. Glücklicherweise erfreut sich der CDU-Politiker Norbert Lammert mit seinen 68 Jahren bester Gesundheit.

Es ist also nicht so, dass Lammert künftig nicht mehr sprechen würde oder nichts mehr zu sagen hätte. Bedauerlicherweise wird er es aber nicht mehr als Präsident des Deutschen Bundestages tun.

Am Dienstag hielt Lammert nach zwölf Jahren im Amt des Bundestagspräsidenten seine letzte Rede. Da verstummt – um dann doch im Bild zu bleiben – eine wichtige Stimme am wichtigsten Ort deutscher Demokratie. Es wird ein Stück langweiliger und möglicherweise auch belangloser zugehen im Hohen Haus, wie der Publizist Roger Willemsen den Bundestag häufig nannte.

Bundestagspräsidenten hat es viele gegeben in der Geschichte dieses Landes. Bei allem Respekt vor den Vorgängern: Niemand reicht an Lammert heran. Ergebnis seiner Sprachgewalt ist allein schon die Tatsache, dass die Menschen ihn auf Augenhöhe mit den jeweiligen Bundespräsidenten wahrnahmen.

Wenn Lammert das Wort ergriff, dann häufig zu den ganz bedeutenden Themen. Und obwohl er in der Hauptsache zu jenen sprach, die bekanntlich nur die vertreten, die nicht Mitglieder des Parlaments sind: Er sprach so, dass ihn die da draußen verstehen konnten. In seinen Worten schwang immer auch der Respekt vor den Menschen in diesem Land mit.

Deutlich in der Wortwahl, niemals aggressiv oder schrill. Wohlwollend und klug, energisch und charmant. Immer auch überraschend in seinen Wendungen, aber niemals in der Gefahr, durch unterhaltsame Effekte den Ernst der Thematik zu übertünchen. Mitunter auch ergriffen, was seinen Ausführungen ein besonderes Maß an Aufrichtigkeit verlieh. Man glaubte dem, der da sprach, jedes Wort. Ein begnadeter Wortkünstler!

Natürlich wusste Lammert um seine Fähigkeit, um seine rhetorische Brillanz und Schärfe. Viele Worte hat er aber nicht um seine Person gemacht. Oft stand er im Mittelpunkt, was sicherlich auch er bisweilen genießen konnte. Und doch nahm man ihn als bescheiden wahr.

Bundespräsident ist Lammert nie geworden. Er wollte es nicht, hielt sich selbst nicht für den geeigneten Kandidaten. Das bleibt widersprüchlich, weil doch jeder weiß, dass es kaum einen gegeben hätte, der für das Amt besser befähigt gewesen wäre. Denn das Renommee, das sich Lammert erwarb, ging deutlich über die pure Redefertigkeit hinaus. Was Lammert sagte, hörte sich nicht nur gut an, weil er es eloquent vortrug, nein, es war von Sinn und Verstand geprägt.

Bei all den Dingen, die Norbert Lammert gesagt hat: Nichts war so wichtig und richtig wie der unentwegte Hinweis auf die besondere Verantwortung, die sich aus unserer Geschichte ergibt. Das war sein Thema. Nichts lag ihm mehr am Herzen. Man darf davon ausgehen, dass er sich auch in Zukunft dazu äußern wird. Es wäre diesem Land und uns allen zu wünschen.

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