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Kommentiert: Der Unruhestifter

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Hat er die 95 Thesen nun an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen, oder ist das nur eine schöne Geschichte? Wahrscheinlich stimmt Letzteres. Es spielt aber keine Rolle, weil Martin Luther mit seinen 95 Thesen eine solche Wucht entfachte, dass die Welt der heiligen römischen Kirche in Wallung geriet – in eine überfällige, eine notwendige, eine wegweisende. Deshalb ist heute, 500 Jahre danach, ein Feiertag; und zu feiern gibt es vieles.

Luthers Thesen waren zunächst ein öffentliches Auflehnen gegen die Zocker der Ablass-Kampagne, der damaligen Prepaid-Karte für eine Verkürzung der Meetings im Fegefeuer.

Klare Sprache

Die Thesen waren hauptsächlich aber auch ein Plädoyer für die Freiheit des Individuums und damit gegen Hierarchie und autoritäre Willkür, vor allem gegen die Gier und die Prunksucht des Klerus. Deshalb ist das Jubiläum des Reformationstages nicht in die Schublade des üblichen Feier-Krams mit Hochglanzdrucken, Festvorträgen und Luther-Figürchen abzuschieben. Widerspruch, Haltung, Mut und klare Sprache sind auch in unserer Zeit wünschenswerte Eigenschaften. Der Reformationstag gibt Anlass, über unseren Umgang mit Religion, Politik und Gesellschaft und unseren ganz persönlichen Beitrag zu ihrem Zusammenhalt nachzudenken und – wie es sich für einen Feiertag gehören sollte – innezuhalten.

Der zornige Luther

Der damals relativ unbekannte Augustinermönch hat von der deutschen Kleinstadt Wittenberg aus die Welt verändert, ohne dies je geplant oder geahnt zu haben. Es ist ein Lehrbeispiel dafür, wie aus Hochmut selbst verschuldete Gefahren entstehen. Luther ging die Ablass-Kampagne des Erzbischofs von Magdeburg und von Mainz, des Hohenzollernprinzen Albrecht von Brandenburg, gegen den Strich. Albrechts Deal, mit dem Ablass-Geld den Neubau des Petersdoms zu unterstützen und besonders seine Schulden bei den Fuggern in Augsburg zu begleichen, widerte Luther an. Eine derart maßlose Geschäftemacherei mit Gott machte den Mönch zornig.

Mit dem Geld finanzierte der feine Kardinal seine korrupte Ämterhäufung. Dass er Luther in Rom als Ketzer denunzierte, beförderte die pikante Angelegenheit auf internationale Ebenen: Jetzt war der Vatikan im Spiel. Wer mit so viel Ignoranz, Überheblichkeit und gewiss Blödheit gestraft war, brauchte sich über die gewaltige Dynamik der Thesen nicht mehr zu wundern.

Hass und Propaganda

Luther schuf nicht nur mit seinen Thesen, sondern auch mit seinen unkomplizierten, gut verständlichen Predigten, mit seinen Kirchenliedern und seiner Bibelübersetzung eine moderne Kommunikationsform – jene Sprach-Revolution und demokratisierende Medialisierung, die der Kirche heute nicht nur gelegentlich fehlen. Er hatte ein revolutionäres Bildungsverständnis. Der Mann war ein Könner. Und: Der Modernisierer erfand sogar viele Wörter wie Herzenslust, Denkzettel oder Rüstzeug.

Aber er war kein Heiliger! Selbst ein gnädig relativierender Blick auf seine Zeit entschuldigt seine kompromisslose Radikalität den Juden gegenüber nicht. Seine Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ ist purer Hass und böse Propaganda.

Was für ein Typ!

Der Mönch und Universitätsprofessor war abgesehen von diesem dunklen Kapitel jedoch ein wirklicher Rebell und ein Revolutionär, der sich mit den Mächtigen anlegte und persönliches Risiko nicht scheute. Er hatte es statt mit Heiligen lieber mit Gott, statt mit den Verschwendern auf dem Papst-Thron und auf den Bischofssitzen lieber mit dem Volk. Und er griff frontal und öffentlich hohe Würdenträger an. Seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, Antwort auf die gegen ihn gerichtete päpstliche Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“, war 1789 sogar Lektüre französischer Revolutionäre.

Was für ein Typ! Diesen Unruhestifter könnte man in den aktuellen Zeiten des entfesselten Kapitalismus und der neuen sozialen Fragen unserer globalisierten Wohlstandsgesellschaft gut brauchen. Der Reformationstag: Das ist der Feiertag zum Innehalten, zum Nachdenken, zum Beten, zum Bitten, zum Verändern.

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