Kommentiert: Der Preis der Freiheit

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Kommentiert: Der Preis der Freiheit

Ein Kommentar von Karl-Peter Hermanns

Der Schock und die Erschütterung sitzen tief, tiefer sogar noch als am Tag des brutalen Massakers selbst. Man muss manchmal ein wenig Abstand gewinnen, um das Geschehene einordnen zu können.

Was am Mittwochmorgen in den Redaktionsräumen des Pariser Satireblatts „Charlie Hebdo“ passiert ist, lässt sich aber auch 24 Stunden danach nur schwer in Worte fassen. Bilder aus aller Welt zeigen bestürzte und trauernde Menschen. Alle fühlen sich angegriffen, alle sind jetzt Franzosen – so wie wir vor gut 13 Jahren alle Amerikaner waren.

Doch die Emotionen sind andere als nach den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001. Damals herrschte Fassungslosigkeit, es überstieg unsere Vorstellungskraft, lähmendes Entsetzen breitete sich aus. Das Geschehene war nicht zu begreifen, nicht zu verstehen. In diese neue Dimension des Terrors mischte sich pure Angst: Was kommt noch?

Anders als damals gab es diesmal auch keine Freudenfeiern in islamischen Ländern. Den friedliebenden Muslimen – und das ist die überwältigende Mehrheit – ist bewusst, dass der Terror vor allem sie selbst trifft. Die weitaus meisten Opfer der verblendeten Dschihadisten sind Glaubensgenossen. Sie sind den Taliban, der Al-Kaida oder dem IS nicht fundamentalistisch genug. Oder sie stehen ihrem Machtstreben im Weg. Im Namen Allahs töten so die einen die anderen.

Selbst Leute, die die Medien ignorieren, die ihnen ablehnend oder gar verachtend gegenüberstehen, fangen an zu grübeln. Sie ahnen oder erinnern sich, dass die Freiheit der Presse eine unverzichtbare Voraussetzung der Demokratie ist. Dass durch den Terrorakt mehr bedroht ist als „nur“ ein freches und respektloses Magazin. Es geht um die Freiheit allgemein: die Freiheit der Meinung – gerade auch die der Andersdenkenden –, die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft – so provokativ und anstößig sie auch immer sein mögen –, die Freiheit der Wahl – allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim –, die Freiheit des Glaubens – also auch des Nicht-Glaubens –, die Freiheit des individuellen Lebensentwurfs.

Man sollte jetzt aber auch einmal über das Wort Respekt nachdenken. Wer andere mit Beschimpfungen und Beleidigungen überzieht, hat die Freiheit der Meinung falsch verstanden. Und wer hinter jedem Andersartigen eine Gefahr oder Bedrohung wittert, erledigt das Geschäft der Terroristen. Genau wie die, die nun nach extrem scharfen Sicherheitsmaßnahmen rufen. „Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren.“ Das Zitat stammt aus der Gründerzeit der USA. Ob es nun Thomas Jefferson gesagt hat, dem es oft zugeschrieben wird, oder Benjamin Franklin, spielt keine Rolle. Freiheit hat ihren Preis. Was natürlich nicht heißt, dass man alle Vorsicht fahren lässt. Es gilt nur abzuwägen.

Es waren Journalisten. Und wir trauern um Kollegen. So wie wir das auch getan haben, als IS-Schergen einen britischen und einen US-Reporter vor laufender Kamera enthauptet haben. Und so haben damals auch Polizisten und Feuerwehrleute in aller Welt um ihre in New York getöteten Kollegen getrauert. Wir können Terror nicht verhindern, aber wir dürfen nicht zulassen, dass er gewinnt, dass er unser Leben grundlegend verändert.

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