Kommentiert: Der neue Ton

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Kommentiert: Der neue Ton

Ein Kommentar von Peter Pappert

Päpstliche Dokumente sind mit langem Atem geschrieben, erwägen alle Aspekte, erörtern die verschiedenen Positionen und lassen – wunderbar und schrecklich – viel Raum für Interpretationen.

Das Lehrschreiben „Amoris laetitia“ gilt als verbindlich; doch wird sich diese Verbindlichkeit eben in jenen Interpretationen verflüchtigen.

Das am Freitag veröffentlichte Dokument widerspiegelt die Vielfalt katholischer Positionen weltweit. In Afrika, in mehrheitlich muslimischen Ländern hat die katholische Kirche andere Vorstellungen, in Südamerika, woher der Papst kommt, andere Prioritäten als hierzulande. Die Ortskirchen außerhalb Europas halten zum Beispiel die Frage der Geschiedenenpastoral nicht für ein vordingliches seelsorgerisches Problem.

Die enorme Diskrepanz zwischen der offiziellen kirchlichen Lehre und dem gelebten Alltag selbst treuer Katholiken, zwischen dogmatischer Strenge und pastoraler Praxis kennzeichnet eine jahrzehntelange Entfremdung zwischen Rom und den Gläubigen hierzulande. Ein tiefer Riss zieht sich aber auch mitten durch das Kardinalskollegium. Das wird sich nun in unterschiedlichen und gegensätzlichen Deutungen der päpstlichen Schlussfolgerungen offenbaren.

Die optimistische und mit guten Argumenten zu stützende Interpretation lautet: Dieser Papst gibt den Anspruch auf, die Familien- und Sexualmoral einheitlich für alle katholischen Christen zu regeln. Die neue Flexibilität entspricht seinem Amts- und Glaubensverständnis ebenso wie der schieren Vernunft. Denn die allermeisten Katholiken lassen sich in diesen Fragen von Rom längst nichts mehr vorschreiben. Franziskus hatte jenen, die an den hehren Idealen der Kirche scheitern, mehr Zuwendung und mehr Rücksicht auf ihre Wünsche und Nöte versprochen. Ob „Amoris laetitia“ dieses Versprechen einlöst, lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Da muss man in Paragrafen und Fußnoten schon gründlich suchen.

Die Erwartungen waren hoch – hierzulande sehr hoch. Franziskus selbst hatte sie geweckt mit wiederholten Forderungen nach mehr Synodalität in der Kirche, nach „heilsamer Dezentralisierung“, nach einer Stärkung der Ortskirchen. In diesem Punkt ist er konsequent: Er spricht – so oder so – kein Machtwort für seine Gesamtkirche mit ihren mehr als einer Milliarde Mitgliedern, sondern legt die Antworten auf viele Fragen der Sexualmoral und Familienpastoral in die Hände der Bischöfe und Priester und in die Verantwortung der Gläubigen. Dass der Papst ihnen allen das nicht abnehmen kann und soll, davon ist Franziskus überzeugt. Um Unterscheidung, Gewissen, Verantwortung – entscheidende Begriffe in dem Dokument – müssen sie sich selber kümmern. Und das geschieht ja auch längst – wenn auch ohne offiziellen Segen.

Die katholische Kirche hält ihre Ideale und Normen hoch, aber sie ist unter Franziskus selbstkritischer. Der Ton ist auf jeden Fall anders geworden. Was offiziell als irregulär gilt, wird nicht mehr wie bisher schroff zurückgewiesen. Franziskus will keine rigide Pastoral. Was daraus folgt, liegt weniger an ihm. Wer mehr Zuwendung für Homosexuelle und mehr Vernunft in Fragen der Empfängnisverhütung erwartet hat, ist zu Recht enttäuscht. Die katholische Kirche bewegt sich unendlich langsam. Mit diesem Tempo wird sie jene, die sich von ihr entfernen, nicht mehr einholen.

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