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Kommentiert: Der Karlspreis ist echt cool

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Echt cool. Diese für Sprach-Ästheten schmerzhafte deutsch-englische Kombination wollen wir uns jetzt gönnen, sehr geehrte Damen und Herren.

Die Karlspreis-Verleihung war eben so: echt, weil authentisch mit den Persönlichkeiten, die dort redeten. Cool, weil humorvoll, intellektuell, auf hohem Niveau und doch nicht auf abgehobener Wolke. Da stimmte alles – die Musik mit dem hervorragenden Aachener Sinfonieorchester mit seinem exzellenten Dirigenten Kazem Abdullah und dem einzigartigen Aachener Musiker Manfred Leuchter inklusive. Es war, natürlich ganz subjektiv betrachtet, die anregendste Verleihung seit vielen Jahren. Wie gesagt: echt cool!

Marcel Philipp. Der Aachener Oberbürgermeister sorgte zur Begrüßung für den richtigen Ton und die gelungene Mischung aus Betroffenheit (Manchester), Hinführung auf den Preisträger und klugen Sätzen zur derzeitigen Schlechtwetterfront in Europa. Er überzeugte zudem mit selbstbewussten und mutigen Positionen zur Integration, zur Zuwanderung und zur Ehrlichkeit unseren eigenen Blickwinkel betreffend. Marcel Philipp nannte Probleme und wurde nicht müde, dennoch die Chancen und das positive Gefühl Europas zu skizzieren.

Frank-Walter Steinmeier. Der Bundespräsident ist einer der wenigen Laudatoren der vergangenen Karlspreis-Jahrzehnte, der wirklich weiß, was eine Laudatio ist. Der nie den roten Faden seines rhetorischen Drehbuchs verliert: den zu Lobenden. Steinmeier hatte gründlich recherchiert und sogar mit frühen Weggefährten von Garton Ash gesprochen – und das mit einer ebenso professionellen wie liebenswürdigen Gründlichkeit, die für einen aktiven Politiker geradezu verblüffend ist.

Seine Anmerkungen (teilweise Anekdoten) über den jungen Timothy Garton Ash, seine elegant wechselnden Perspektiven zwischen Beschreibung der Person sowie den jeweiligen Zeitläuften und historischen Zusammenhängen korrespondieren mit aktuellen Beschreibungen und der zukünftigen Rolle Großbritanniens in Europa.

Steinmeier besticht durch Humor, Akribie, zeitgeschichtliche Genauigkeit und entschlossene Botschaft: „Was uns jetzt nicht passieren darf, ist, dass die große Idee hinter der Krise verschwindet.“ Mut zu schöpfen und zugleich schonungslos mit klarem Blick auf die Gegenwart zu schauen: So lautet Steinmeiers Appell an Europas Regierungen. „Schaut auf das Kostbare, was Europa erreicht hat – verspielt es nicht, überwindet die Krise!“ Eine brillante Laudatio.

Timothy Garton Ash. Menschen, die sich wie er auf diese sehr spezielle, sehr individuelle, sehr originelle Art einmischen, brauchen wir! Die sind Auf- und Rückenwind, Anspruch und Widerspruch, sie sind eine Klasse für sich. Wer auch immer dem altehrwürdigen Direktorium, das vor einem Jahr noch in den himmlischen Höhen päpstlicher Gnaden unterwegs war, den Tipp für diesen bodenständigen britischen Historiker und leidenschaftlichen Europäer gegeben hat: Chapeau!

Garton Ash skizziert in seiner fulminanten Rede seine intensiven persönlichen Erfahrungen, auch im geteilten Deutschland und in Polen. Er wirft einen Blick auf sein eigenes Land, das ihm, dem aufgeklärten Pro-Europäer, mit dem Brexit die größte persönliche Niederlage zugemutet hat. Und er sagt: „Wir britischen Europäer haben nicht aufgegeben.“

Garton Ash unternimmt rhetorische Ausflüge in Geschichte und Philosophie, Analyse und Perspektive. Er spricht unbequeme Wahrheiten aus, wenn es um Zuwanderung, Euro und Ungleichheit in der EU geht. Und er formuliert ein Rezept für manche Worthülsen-Politiker: „Es bringt nichts, einfach immer nur ,mehr Europa, mehr Europa‘ zu fordern. Die richtige Antwort wird oftmals sein, dass wir von diesem mehr, von jenem aber weniger brauchen.“

Er selber nennt seine Rede einen „rasanten Wiener Walzer“. 60 Takte pro Minute: Das ist das Tempo des neuen Karlspreisträgers. Am Ende stehen die Menschen auf, begeistert. Keine Frage: Bei ausreichendem Platz hätten sie getanzt. Was für ein Preisträger, welche Reden, welche Musik, welcher Geist, welches Niveau! Was für eine Feier!

Echt cool.

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