Kommentiert: Der entstaubte Preis

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Kommentiert: Der entstaubte Preis

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Man nehme: den richtigen Karlspreisträger, versammele dazu drei inhaltlich relevante wie gleichermaßen rhetorisch elegante, aber sehr unterschiedliche Redner, und schon wird eine solche Verleihung zu einer informativen, anspruchsvollen, würdigen und rundum lebendigen Zeremonie.

So macht Karlspreis, so macht Europa Spaß. Das Ensemble „Schulz und Freunde“ hat der zuletzt leider angestaubten Feier im Aachener Krönungssaal jenen Esprit geschenkt, den man lange schmerzlich vermisste. Eine echte Renaissance!

„Einer, der sagt, was ist.“ So beschreibt der Bundespräsident den EU-Parlamentspräsidenten. Joachim Gauck sendet eine wichtige Botschaft dieses Karlspreises kompromisslos in die Welt der verzagten, enttäuschten, von linken wie rechten Populisten verunsicherten Europagegner: ein klares Nein zum Rückzug ins Nationale. Er zitiert den rumänischen Schriftsteller Mircea Crtrescu: „Immer schon habe ich die nationalen Identitäten auf dem Kontinent für lokale Varianten eines grundlegenden Europäertums gehalten.“ Das ist Würselen und Straßburg, Berlin und Brüssel, Aachen und Paris. Ein wunderschöner Satz!

„Sie haben dazu beigetragen, die deutsch-französischen Beziehungen zu festigen.“ François Hollande stellt diese wichtige Achse geradezu auffällig heraus. Schulz trug mit seiner Einladung zu einem Gespräch mit der Bundeskanzlerin und dem französischen Staatspräsidenten in Straßburg so entscheidend zu der Verbesserung des Klimas zwischen Merkel und Hollande bei, dass der Franzose dies in Aachen eigens erwähnt. Monsieur le Président, quel honneur!

„Europa hat es gezeigt: Frieden und Wohlstand kommen nur zustande auf der Grundlage gegenseitiger Achtung.“ Unser Kontinent als Vorbild, als Orientierung, als Wunschtraum: Was Martin Schulz immer wieder – besonders auch in seinem europakritischen Buch – proklamiert, bestätigt eindrucksvoll der jordanische König Abdullah. Er setzt auf die Solidarität mit den Europäern im Abwehren des Terrorismus. Und nicht nur das: Er spricht auch die Ökonomie an. Ohne die wirtschaftlichen Beziehungen mit der EU gebe es keine Hoffnung für die jungen Menschen in der arabischen Welt. Ohne Jobs seien sie willkommene Ziele von Radikalen. Sein unausgesprochener Appell lautet: Europäer, lasst uns nicht im Stich!

„Jede Generation ist Erbnehmer und Erblasser zugleich.“ Martin Schulz rüttelt auf, mahnt, erinnert an die Leistungen der führenden Europäer in der Nachkriegszeit, an die Verständigung, die aus Krieg Frieden, aus Gegnern Freunde, aus Diktaturen Demokratien, aus Grenzen ein offenes Europa machten. Wer Hand an ein dieses Projekt lege, versündige sich an den nachfolgenden Generationen.

Das ist Klartext. Das ist Schulz. Den Regierungschefs ruft er zu: „Hört auf, die Misserfolge der EU in die Schuhe zu schieben und die Erfolge auf nationale Fahnen zu schreiben. Hören wir endlich auf, die EU schlechtzureden.“

Ein außergewöhnlicher Karlspreis: mit deutlichen Worten statt Allgemeinplätzen. Mit Selbstbewusstsein statt mit Krisengerede. Mit erfrischender Rhetorik (vor allem des Preisträgers!) statt mit einschläfernden Feiertagsreden. Und mit der über allem schwebenden Erkenntnis: Wenn wir uns in unsere Einzelteile zerlegen, dann versinkt Europa in der Bedeutungslosigkeit. Also lassen wir es!

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