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Kommentiert: Besonnen bleiben

Ein Kommentar von Peter Pappert

Jetzt wird über notwendige und ausreichende oder ungenügende Sicherheit auf öffentlichen Plätzen diskutiert. Das ist verständlich und richtig.

Jeder, der sich daran beteiligt, sollte sich zuvor informieren, die Analysen der Sicherheitsexperten wenigstens zur Kenntnis nehmen und abwägen. Hätte man den Anschlag in Berlin verhindern können, wenn doppelt so viele Polizisten vor Ort gewesen wären? Sehr wahrscheinlich erscheint das nicht.

Ob das Attentat an der Berliner Gedächtniskirche ein Terroranschlag war und womöglich ein islamistisch motivierter, ist bisher nicht erwiesen. Wer sich Gespür für Anstand und den Sinn für Fakten bewahrt hat, ist erschreckt, wie wenig Hemmungen es gibt, ein derart grauenvolles Geschehen sofort für eigene politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Und man ist noch mehr entsetzt, dass jene, die mit ihrer perversen Ideologie oder konkreten Plänen Terrorattentate vorbereiten und durchführen, hierzulande offensichtlich politisch-strategische Mitläufer haben. „Es sind Merkels Tote“, hat Marcus Pretzell, AfD-Europaabgeordneter und Spitzenkandidat seiner Partei für die nordrhein-westfälische Landtagswahl, unmittelbar nach dem Vorfall am Montagabend geschrieben. Er erfüllt damit genau jene islamistische Taktik, die darauf aus ist, die demokratische, pluralistische Gesellschaft zu verunsichern und politisch aufzuhetzen. Dass sich führende AfD-Politiker dafür hergeben, spricht für sich und deren Charakterlosigkeit. Die AfD-Spitzen Petry und Gauland äußern sich ähnlich, wenn auch nicht ganz so platt und abscheulich wie Pretzell.

Es gibt noch keine öffentlich verkündeten gesicherten Erkenntnisse darüber, wer der Täter ist und woher er kommt. Aber selbst für den Fall, dass es ein Flüchtling sein sollte, ist es einfach nur widerwärtig, eine kausale Linie zur Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu ziehen.

Wer das tut, wer so wenig Respekt vor den Opfern hat, wer gar nicht an Beruhigung und Besinnung interessiert ist, sondern besinnungslos Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und fremden Menschen sät, verlässt den demokratischen Grundkonsens, den jede Gemeinschaft braucht, und verhindert das, was jetzt nötig ist: klarer Kopf, Geduld und Zuversicht. Wir können Gott sei Dank Zuversicht haben, weil wir trotz allem in einem der sichersten Länder der Welt leben.

Wenn gemordet und anschließend so argumentiert wird, wie es Dienstag leider zu erleben war, dann spielen sich der Auftraggeber des Attentäters auf der einen Seite und ein Heißsporn wie Pretzell auf der anderen Seite in die Hände. Beide wollen Angst und Hass schüren, sie wollen das zugrunde richten, was diese Republik stark und attraktiv gemacht hat: Offenheit, Liberalität, Rücksicht, Anstand. Beide hassen die alten bürgerlichen Tugenden, die Werte des Grundgesetzes, und vor allem hassen sie die freiheit-liche Kultur des Westens.

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