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Kommentiert: Baden im Öl

Ein Kommentar von Anja Clemens-Smicek

Wenn sie nicht mehr weiter wissen, bedienen sich Ökonomen gerne eines beliebten Bonmots.

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, lautet das Zitat, das abwechselnd dem Autor Mark Twain oder dem Physiker Niels Bohr zugeschrieben wird. Doch ganz gleich, aus welchem Munde es stammt, sicher ist, dass dieser Satz zutrifft, wenn es um die künftige Ölpreis-Entwicklung geht. Leider.

Denn die Antwort auf die Frage, wie teuer uns Energie in Zukunft zu stehen kommt, ist eine der wichtigsten für Weltwirtschaft, Staat und Bürger. Wir haben uns in den vergangenen 150 Jahren vom Erdöl abhängig gemacht, es wurde zur Basis der Produktion von Gütern, Waren und Dienstleistungen. Doch die Gesetze des Marktes, die irgendwann einmal galten, greifen nicht mehr.

Früher gingen Ölpreis und Krisen in der Welt eine unheilvolle Symbiose ein. Schon die Vorstellung, die Produktion in wichtigen Förderländern könnte wegen eines Konflikts zum Erliegen kommen, sorgte für Unruhe am globalen Rohstoffmarkt. Bestes Beispiel dafür waren die Kriege im Irak.

Heute destabilisiert die Terrormiliz Islamischer Staat weite Teile des Nahen Ostens, in Libyen tobt weitgehend unbemerkt ein Bürgerkrieg, an eine Lösung der Ukraine-Krise gleich vor unserer Haustür ist nicht zu denken, genauso wenig wie an die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland. Kriege und Krisen beherrschen also die wichtigsten Ölförderregionen der Welt – und die Preise sinken trotzdem.

Noch sind wir in der glücklichen Lage, im Öl zu baden. Weil sich das Wachstum in den Schwellenländern abschwächt, weil sich die Konjunktur in China abkühlt und weil die Saudis mehr Öl als nötig fördern – nicht zuletzt, um den wiedererstarkten Konkurrenten Iran in seine Schranken zu weisen. Und weil sich die USA mit ihrem umstrittenen Fracking zunehmend unabhängig machen.

Den Verbraucher freut’s. Er kann so preiswert heizen und tanken wie seit Jahren nicht mehr, auch wenn der Preisverfall nur eingeschränkt an die Konsumenten weitergegeben wird.

Doch der niedrige Ölpreis birgt nicht nur für die Weltwirtschaft Gefahren. Wir könnten uns in der gefährlichen Sicherheit wiegen, von unseren Anstrengungen abzulassen, weiter in alternative Energien und Antriebe zu investieren. Spritfresser auf dem Automobilmarkt haben schon wieder Konjunktur.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Öl ein endlicher Rohstoff ist. Der Club von Rome lag zwar 1975 mit seinem Bericht falsch, wonach die Ölquellen 1995 versiegen würden. Wahr ist aber: Der leicht förderbare Anteil des schwarzen Goldes wird in wenigen Jahrzehnten tatsächlich verbraucht sein. Wahr ist auch, dass neue Verfahren zur Gewinnung des großen Rests teuer und immer teurer werden. Und man braucht weder einen Twain noch einen Bohr, um zu wissen, dass diese Zeche letztlich die Verbraucher zahlen werden.

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