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Kommentiert: Assange ist kein Held

Ein Kommentar von Amien Idries

Es ist ein zeitlicher Zusammenhang wie gemacht für die verschwörungstheoretische Kraft des Internets: Zwei Tage nach der Freilassung von Chelsea Manning stellt Schweden die Ermittlungen gegen Julian Assange ein.

Manning war – damals noch als US-Soldat Bradley – zu 35 Jahren Haft verurteilt worden, weil er Assanges Enthüllungsplattform Wikileaks 2010 mit geheimen US-Dokumenten versorgt hatte. Während im Netz schon Theorien kursieren, die aus dem zeitlichen einen inhaltlichen Zusammenhang machen, ist es wohl am wahrscheinlichsten, dass die Geschichte einfach eine ironische Phase hat.

Viel interessanter als diese Frage ist freilich die Person Assange. Oder vielmehr der Blick auf diese Person, der sich deutlich verändert hat. Es ist nämlich sehr viel passiert, seit der Australier auf der Bildfläche erschien und auch wegen seines Charismas zum engelhaften Helden der Freiheit stilisiert wurde. Es wirkt aus heutiger Sicht fast so, als läge der naive Blick auf Wikileaks und auf die aufklärerische Kraft des Netzes schon Jahrzehnte zurück. Vor allem in linksliberalen Kreisen hat Ernüchterung Einzug gehalten. Das liegt weniger daran, dass Assange sich verändert hat, als vielmehr daran, dass viele ihn falsch verstanden haben.

Assanges Ansatz ist die totale und rücksichtslose Transparenz von öffentlichen Institutionen. Nichts ist geheim, alles muss vollkommen unzensiert an die Öffentlichkeit. Der Australier ist eben kein Linksliberaler, dem lediglich daran liegt, staatliche Missstände aufzudecken und als Korrektiv des bestehenden Systems zu fungieren. Assange ist vielmehr ein Libertärer, der alles staatliche Handeln als potenziell autoritär und verschwörerisch verdächtigt. Das einzige Mittel dagegen ist aus seiner Sicht die totale Offenlegung. Das schonungslose Enthüllen gewissermaßen als konsequente Vorbeugung gegen den autoritären Impuls eines jeden Staates.

Dies jedoch ist ein Irrweg, weil es nicht nur für Privatpersonen Sinn ergibt, Geheimnisse zu haben. Für Staaten und öffentliche Behörden sind Geheimnisse mitunter sehr wichtig und auch richtig. Wenn es etwa um die Sicherheit geht, die Gefahrenabwehr oder diplomatische Beziehungen. Das bedeutet, dass jeder, der im Besitz geheimer und wichtiger Informationen ist, gleichzeitig eine große Verantwortung hat. Er muss gewichten, einordnen und sich der Folgen einer Veröffentlichung bewusst sein. Werden Menschen dadurch gefährdet? Gibt es ein höheres Ziel, das die Geheimhaltung erfordert? All das ist Assange zuwider, was auch erklärt, warum die anfängliche Kooperation von Wikileaks mit Journalisten zum Scheitern verurteilt war.

Trump lobt Assange inzwischen

Das bedeutet nicht, dass man keine Geheimnisse aufdecken sollte. Whistleblower, zu deren Aufwertung Assange zweifelsohne beigetragen hat, sind für die Kontrolle staatlichen Handelns wohl wichtiger denn je. Assange hat hier mit Wikileaks sinnvolle Dinge getan. Die Veröffentlichung etwa des Videos vom Luftangriff auf Bagdad war richtig, weil sie zu einer wichtigen Debatte über die Kriegsführung der USA führte. Spätestens aber mit Wikileaks-Veröffentlichungen, bei denen Quellen nicht geschützt wurden oder private Daten an die Öffentlichkeit gelangten, hat Assange seine aufklärerischen Ideale verraten.

Am aufschlussreichsten ist es, wenn man sich anschaut, wer sich in jüngster Zeit Assange zu- und wer sich von ihm abgewendet hat. Nach der Veröffentlichung der Clinton-Mails findet selbst Donald Trump lobende Worte für Assange. Und Edward Snowden, der Whistleblower, der nach Chelsea Manning wohl am meisten für seine Geheimnispreisgabe geopfert hat, setzte einen Tweet ab, in dem er Assange kritisierte: Wikileaks habe viel für die Demokratisierung von Information getan. Die Veröffentlichung völlig unbearbeiteter und gewichteter Daten aber sei ein Fehler.

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