Kommentiert: Aktiv versagt

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Kommentiert: Aktiv versagt

Ein Kommentar von René Benden

Der Mai 1978, der gefährliche Störfall im Jülicher Versuchsreaktor, die Vertuschungen bei den Aufsichtsbehörden – das alles ist nun schon fast 36 Jahre her.

Viele der Verantwortlichen von damals leben heute nicht mehr oder sind juristisch nicht mehr zu belangen.

Warum also diesen verjährten Vorfall heute mit großem Aufwand noch einmal ans Tageslicht zerren? Aus einem guten Grund: Weil er eine Kultur des Verschweigens, der Verharmlosung und der Unvernunft offenlegt, die bis auf den heutigen Tag in den vermeintlich objektiven Kontrollinstanzen dieser Republik gepflegt wird.

Im Jahr 2009 versprach das Bundesumweltministerium, das Verhalten der NRW-Atomaufsicht im Falle Jülich neu zu bewerten. Diese Neubewertung ist bis auf den heutigen Tag nicht zugänglich. Begründung: Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. Doch inzwischen ist auch ohne Zutun des Berliner Ministeriums klar, dass die damalige Atom-Aufsicht des Landes NRW nicht einfach nur versagt hat. Sie hat ihr Versagen aktiv herbeigeführt, weil es ihr wichtiger war, ein unkontrollierbares Experiment am Leben zu erhalten, anstatt Mitarbeiter der Jülicher Forschungseinrichtung, Anwohner und die Umwelt zu schützen.

Politisch ist dieses Versagen bis auf den heutigen Tag geduldet worden – aus wirtschaftlichem Interesse. Die SPD-Landesregierungen der 70er Jahre förderten das Jülicher Projekt um jeden Preis, weil es in Aussicht stellte, dank seiner hohen Temperaturen Steinkohle zu Autotreibstoff veredeln zu können. Die technischen Probleme des Reaktors wuchsen aber parallel zum Widerstand in der Bevölkerung gegen Kernenergie. Also förderten die Sozialdemokraten fortan den Export dieser Technologie auch noch, als der Reaktor in Jülich längst abgeschaltet war. Ab 2005 hielt dann die schwarz-gelbe Regierung Rüttgers ihre Hand über die Jülicher Technologie. Doch ein großes Geschäft mit Süd­afrika, wo ein Kugelhaufenreaktor entstehen sollte, scheiterte aufgrund der bekannten technischen Probleme kläglich. Seit 2010 haben die Grünen in NRW eine seltsame Wandlung vollzogen. Forderten sie in früheren Jahren noch vehement Aufklärung über die Jülicher Nuklear­experimente, haben sie dieses Thema zu den Akten gelegt, seitdem sie in Regierungsverantwortung sind. Durch das jahrzehntelange politische Desinteresse für Fragen der Sicherheit und das systematische Wegschauen von Aufsichtsbehörden ist im Fall Jülich die Wirksamkeit staatlicher Fürsorge auf das Niveau eines Entwicklungslandes geschrumpft. Gemessen an den Ansprüchen der Bundesrepublik Deutschland ist das beschämend.

Da passt es ins Bild, dass Aufklärung nun vom Forschungszentrum Jülich selbst und nicht von den Aufsichtsbehörden oder gar der Politik betrieben wird. Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit haben die heutigen Verantwortlichen im Forschungszentrum einen mutigen Schritt gewagt. Denn ihnen war klar, dass die Ergebnisse kein gutes Licht auf die damalige Forschungskultur am AVR-Reaktor werfen werden. Klar ist aber auch, dass einer der größten Forschungseinrichtungen Europas nur noch Vertrauen entgegengebracht wird, wenn sie die alte Tradition des Vertuschens und des Verharmlosens durchbricht. Zwar lässt der Expertenbericht zur Vergangenheit des Jülicher Versuchsreaktors noch viele Fragen offen. Für die Zukunft steht aber fest: Der nuklear verseuchte Reaktorkern wird noch Jahrzehnte, vielleicht sogar länger in Jülich lagern. Und die ganze Region muss darauf vertrauen können, dass die gefährliche Altlast in guten Händen ist.

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