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Kommentiert: Ach, Europa!

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Was für eine unvorstellbare Geschichte können wir dankbar zur Kenntnis nehmen, wenn wir heute über die Europäische Union nachdenken.

Wenn wir, frei von übertriebenen Emotionen und nationalen Egoismen, diese Union unterschiedlicher und vor Jahrzehnten noch feindseliger Staaten bewerten. Dann kommen wir zu dem Ergebnis, dass der Untergang des Abendlandes erst einmal verschoben ist – trotz Brexit, Erdogan, Putin, Trump, trotz der populistischen Störmanöver, der Krisen und der fatalen Gleichgültigkeit vieler europäischer Bürgerinnen und Bürger.

Nicht nur Initiativen wie „Pulse of Europa“, auch in Aachen seit Wochen jeden Sonntag aktiv, machen neuen Mut. Junge Leute lassen sich die Errungenschaften der EU nicht mehr nehmen. Das erklären sie nun laut und deutlich und öffentlich. Sie halten selbstbewusst Transparente mit der Aufschrift „FrEUnde“ in die Höhen ihrer Lebenswelten, die ohne den europäischen Zusammenschluss nicht denkbar wären.

Nationale Eigenarten

Am Samstag vor 60 Jahren haben sechs Staaten die Römischen Verträge unterzeichnet und eine Wirtschaftsunion gegründet. Das war die Geburtsstunde der EU. Diese EU ist heute etwas Selbstverständliches und Alltägliches. Viele sind unzufrieden und sehen die Schuld bei der EU. Sie machen sie verantwortlich für die Folgen nicht aufzuhaltender Globalisierung, für den Wirtschaftskrieg in einem enthemmten Kapitalismus, für die Flüchtlinge, für die überbordende Bürokratie, für den Abschied von manchen nationalen Eigenarten und Eigenmächtigkeiten.

Ohne die EU wäre die Bewältigung solcher und anderer Herausforderungen noch schwieriger. Dass in dieser kritischen Phase ein gezieltes Krisenmanagement vonnöten wäre, ist ebenso wünschenswert wie dringend nötig. Bei der Suche nach Schuldigen, die das verhindern, müssen sich einige nationale Scheingrößen an die eigene Nase fassen. Nicht die überbezahlten Bürokraten in Brüssel setzen Einheit und Zukunft der Union aufs Spiel, sondern kurzsichtige nationale Kraftmeier wie Orbán in Ungarn oder Kaczynski in Polen.

Rom war 1957 eine Idee, ein Aufbruch, eine Vision. Heute ist es ein Damals. Und dennoch bleibt es die Basis von Gegenwart und Zukunft. In den Niederlanden sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Was uns in Frankreich erwartet, ist offen, auch angesichts der Affären kandidierender Spitzenpolitiker.

Bürgerlicher Widerstand

Der bürgerliche Widerstand in Polen, Ungarn und Rumänien hat immer proeuropäische Farben. Der Gegenentwurf zu den Autokraten in Moskau, Washington und Ankara zeigt stets ein europäisches Gesicht mit den Zügen der Menschenrechte, der Toleranz, des Respekts, der Gleichberechtigung, der Vielfalt und der Solidarität.

Die EU hat eine neue Chance verdient. Sie ist nicht ein Teil der schon 2003 von Colin Crouch beschriebenen „Postdemokratie“. Wenn sich die Eliten endlich zusammenreißen und den Menschen zuhören, geben sie den Mutigen Rückenwind für die Auseinandersetzung, die jeder führen muss – in seinem Verein, an seinem Arbeitsplatz, in seinem Dorf und seiner Stadt im ständigen Bemühen um Fakten und im Kampf gegen Lügen, Kampagnen und künstliche Empörung. „Engagement ist ein Pflichtfach für Schriftsteller“, sagt Martin Walser. Es muss Pflichtfach für alle Demokraten sein.

Die Moderne mit ihren Zumutungen und Verwerfungen, aber auch ihren Chancen, ist gewiss kein einfaches Lebensmodell, sondern ein anstrengendes. Aber es funktioniert in der EU besser als im Nationalismus, der auf der großen Weltkarte nur kleinkarierter Provinzialismus wäre.

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