Glossiert: Dieses andere Netz

Radarfallen Bltzen Freisteller
15335960.jpg

Glossiert: Dieses andere Netz

Ein Kommentar von Marc Heckert

Kennen Sie Twitter? Also nicht, ob Sie schon mal davon gehört haben. Natürlich ist Ihnen das bevorzugte Regierungswerkzeug des derzeitigen US-Präsidenten ein Begriff. Aber sind Sie dort Mitglied, kennen Sie die Sitten und Gebräuche der Einwohner, verstehen Sie ihre mit seltsamen #-Zeichen durchsetzte Sprache?

Wenn Sie jetzt mit „ähm, nein“ antworten: Keine Sorge, Sie sind hierzulande in guter Gesellschaft. Die weltweit angeblich über 300 Millionen aktiven Twitterer tummeln sich zwar im viertbeliebtesten Sozialen Netzwerk der Welt, nach Facebook (zwei Milliarden Nutzer), Youtube (anderthalb) und Instagram (700 Millionen). Doch in Deutschland steht das Logo mit dem blauen Vögelchen, im Gegensatz zum blauen F von Facebook, seit gefühlten Ewigkeiten auf der roten Liste.

Liegt das wirklich nur daran, dass ein durchschnittlich langes Wort der deutschen Sprache wie Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz schon einen Löwenanteil der kargen 140 Zeichen in Anspruch nimmt, die uns Twitter für Nachrichten gönnt?

Nein, es dürfte eher etwas mit dem zu tun haben, was wir die deutsche Seele nennen. Wir haben‘s eben nicht so mit dem Flüchtigen. Ein Bonmot, ein Aperçu oder gar ein Aphorismus in deutscher Sprache (wie schade, dass wir dafür keine eigenen Ausdrücke haben), sie haben gerne Tiefe, Raum und Wucht. Leichtigkeit und Kürze dagegen – naja.

„Tritt fest auf, mach‘s Maul auf, hör bald auf“ schrieb Luther uns ins Rhetorik-Stammbuch. Welche Wirkung dieser Rat bis heute entfaltet, wird jedem klar, der die Neujahrsansprache unseres Regierungsoberhauptes bis zum Ende erträgt. Letzterer Satz hatte übrigens 141 Zeichen, eins zu viel für einen Tweet.

Eine Annäherung ist nicht in Sicht: Twitter-Chef Jack Dorsey schloss gerade erst aus, dass die Zeichenzahl auf Twitter erhöht wird. Welch Verkennung unserer Sehnsucht zu Gründlichkeit und Sprachpräzision, die nun einmal etwas mehr Platz benötigen!

So werden die 300 Millionen Twitterer wohl weiterhin wenig Kontakt haben mit unseren Sprachjuwelen. Was sind schon Squid, Queue und Squirrel – gegen Tintenfisch, Warteschlange und Eichhörnchen?

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert