Zwischen Staub und Schutt: Aus dem Ruhestand auf die Baustelle

Von: Annika Kasties
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Professor Bernhard Steinauer verbringt seinen Lebensabend lieber auf der Baustelle statt es ruhig angehen zu lassen. Foto: Annika Kasties
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Die kunstvoll gestaltete Fassade faszinierte Professor Steinauer von Anfang an.

Stolberg. Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit einem Hobby den Alltag zu versüßen. Die einen gehen ins Theater, andere sammeln aus Herzenslust Briefmarken. Und manche mögen es lieber staubig und sanieren alte Gemäuer.

Professor Bernhard Steinauer gehört eindeutig zur letzten Kategorie. Der emeritierte Professor für Straßenwesen und Tunnelbau der RWTH Aachen verbringt seinen Ruhestand lieber auf der Baustelle, als es ruhig angehen zu lassen. Sein ganz persönliches Bauprojekt ist derzeit mitten in der Stolberger Innenstadt zu finden. In der Rathausstraße hat Steinauer ein unter Denkmalschutz stehendes Haus erworben, das er nun von Grund auf saniert. Die Sanierung von alten Gebäuden ist für den 71-Jährigen eine Herzensangelegenheit. „Das ist einfach mein Hobby. Ich könnte nicht bloß Spazierengehen. Das wäre für mich Zeitverschwendung.“

Dass Steinauer für verschwendete Zeit nichts übrig hat, wird schnell deutlich. Im September kaufte er die Immobilie, einen Monat später begannen die Sanierungsarbeiten. Ab August sollen sich neue Mieter an dem Prachtbau erfreuen. Geplant sind sechs Wohneinheiten. Im Erdgeschoss sollen Büroräume entstehen. Die Konzeption der Rundumerneuerung übernimmt Steinauer in Eigenregie. Jeden Tag verbringt er auf der Baustelle und koordiniert die Arbeiten seiner Handwerker. „Wenn man morgens früh auf die Baustelle geht und direkt mit den Handwerkern arbeitet, da geht einem das Herz auf. Das ist so wohltuend, wenn man am Ende sieht, was man alles geschafft hat“, betont er.

Es ist bereits das dritte Haus dieser Art, das Steinauer mit seiner Ehefrau für diesen Zweck erstanden hat. Vor fünf Jahren sanierte er bereits ein Haus im Steinweg, auch sein Wohnhaus in Aachen ließ er mit viel Aufwand restaurieren. Dieses Mal wählte er ebenfalls ein Gebäude aus der Kaiserzeit. 1903 ließ es ein Stolberger Malermeister errichten, dessen Symbol – eine Malerpalette mit Farbtupfern – die Fassade des Gebäudes noch heute ziert. Oder besser gesagt: wieder in all seinem Glanz ziert. Denn erst seit kurzem können die Stolberger den Jugendstilbau wieder in seinem neuen alten Gewand betrachten.

In der Stolberg sieht Steinauer eine Stadt mit Potenzial, die mehr zu bieten habe, als sich selbst ihre Einwohner manchmal bewusst seien. „Ich finde es schade, dass viele Stolberger ihre Stadt so kleinreden. Hier rührt mich viel an. Es gibt hier noch viele klassische Gebäude. Doch wir müssen dafür sorgen, dass Stolberg wieder ein bisschen mehr Leben kriegt.“ Auch deshalb hofft Steinauer, andere Hausbesitzer dazu zu ermuntern, ebenfalls in die Sanierung der historischen Gebäude zu investieren.

Dass die Stolberger Bürger Steinauers Investition zu schätzen wissen, weiß der Bauingenieur. Erst vor wenigen Tagen habe jemand spontan an die Fensterscheibe geklopft, nur um ihn für die Wiederherstellung der Fassade zu loben. „Das war so eine Genugtuung“, freut sich Steinauer noch immer, „allein dafür war es all die Arbeit wert!“

Die kunstvolle Außenfront war es auch, die Steinauer letztlich zum Kauf der Immobilie bewegte. „Die Fassade hat mich sofort fasziniert. Die vielen Details, die vergoldete Sonne, der filigrane Balkon. Hier ist noch nichts verpfuscht worden“, berichtet der Bauingenieur und deutet auf eine schmale Säule, die an der Außenfront zwischen zwei großen Fenstern steht. „Von der Substanz war noch alles da. Der Mörtel war zwar abgebrochen, doch das sind nur Kleinigkeiten.“

Dass die Säule, die noch original aus der Kaiserzeit stammt, überhaupt noch erhalten ist, ist für Steinauer ein Glücksfall. Häufig seien diese im Nachhinein entfernt worden. Zu diesem Schritt habe ihm im vergangen Jahr auch ein Architekt geraten. Aus Energiegründen. Schließlich leite die Säule im Winter kalte Luft ins Innere weiter. Eine Zusammenarbeit habe Steinauer daraufhin abgelehnt. Den tatsächlichen Wert der kunstvollen Gestaltungselemente des Gebäudes habe der Architekt wohl nicht begreifen können. „Dieses Haus ist so was Rundes: vom klassischen Jugendstilboden, dessen Fliesen noch original vorhanden sind, bis zum wunderschönen Stuck“, betont Steinauer.

Bis zu zehn Handwerker, Maler und Elektriker sind nun fast täglich damit beschäftigt, das Haus wieder in seinen prunkvollen Originalzustand zu versetzen. Das Dach musste komplett erneuert werden. Das Dachgeschoss wurde ausgebaut. Zwischendecken, die den kunstvollen Stuck durch „billiges Fichtenholz“ verdeckten, ließ Steinauer entfernen. „Dieser schöne, zarte Stuck ist wunderschön aufgetragen. Der Malermeister war schon ein kleiner Künstler“, erzählt der gebürtige Bayer beim Rundgang durch sein Haus. An vielen Stellen lässt sich die Schönheit des historischen Baus nur erahnen. Holztüren lehnen verlassen an der Wand, Malutensilien versperren den Weg, es riecht nach Baustelle. Die staubigen Fußabdrücke auf dem Boden zeugen von der harten Arbeit, die Steinauer und seine Handwerker im Gebäude verrichten. Lauscht man den Ausführungen des emeritierten Professors, sieht man die Wände und Böden des Jugendstilbaus schnell durch seine begeisterten Augen.

Nicht alle können Steinauers Begeisterung für alte Gemäuer nachvollziehen. Viele hielten ihn für verrückt, weil er in ein altes Haus investiere, erzählt er. Finanzielle Überlegungen seien beim Kauf der Immobilie tatsächlich zweitrangig gewesen. „Der Hauptgrund für all die Arbeit ist, dass es mir Spaß macht und dass ich mit meinem Leben etwas Sinnvolles machen will“, erklärt er und ergänzt: „Ich würde niemals so ein modernes Haus kaufen. Ich mag an Häusern echte Architektur, wie man das in der Kaiserzeit noch gemacht hat. Da wurde noch solide gebaut und auf Gestaltungselemente geachtet. Wenn eine Fassade nur aus einer flachen Wand und Fenstern besteht, kommt bei mir keine Wärme rüber.“ Wärme und Leidenschaft gibt es in der Rathausstraße dafür umso mehr. „Dieses Haus hat eine Geschichte“, betont Steinauer und seine Augen leuchten vor Begeisterung. „Hier sind Menschen geboren und Menschen gestorben. Hier sind Tragödien erlebt und zwei Weltkriege überlebt worden. Jeder einzelne Stein hat etwas zu erzählen.“

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