Zwischen Mann und Frau herrscht noch immer keine Chancengleichheit

Von: Sarah Sillius
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Ist ein noch zu seltenes Bild: Frauen sind auch in Stolberger Unternehmen nur in geringer Zahl in Führungspositionen zu finden. Das will die EU ändern. Foto: imago

Stolberg. „Gleiche Arbeit, gleiches Geld.” Ein Leitsatz, den sich Gewerkschaften, Kammern und Arbeitgeberverbände gerne auf ihre Fahnen schreiben. Einer, der allerdings hierzulande noch nicht ganz Realität geworden ist. Das zumindest besagt eine Studie der EU-Kommission.

Demnach gehört Deutschland zu jenen EU-Ländern, in denen der Abstand zwischen der Bezahlung von Männern und Frauen größer ist als im EU-Durchschnitt.

Während die Lohndifferenz innerhalb der EU „nur” 18 Prozent beträgt, liegen die Einkommen der weiblichen Beschäftigten in der Bundesrepublik um 23,2 Prozent unter denen der männlichen Kollegen.

Sensibles Thema

Wie kommt diese Statistik zustande? Und sind Ungleichheiten auch in Stolberg spürbar? Was sich schnell zeigt: Beim Lohnabstand handelt sich um ein sensibles Thema. Wenige Arbeitnehmer dürfen überhaupt öffentlich über ihr Gehalt sprechen. Geeignete Ansprechpartner sind deshalb Gewerkschaften und - zumindest die meisten - Betriebsräte.

Die Stolberger Betriebe, die von der IG Metall betreut werden (zum Beispiel Prym Consumer), richten sich nach dem Entgelt-Rahmenabkommen (ERA). Nach diesen Tarifverträgen gebe es keine Unterschiede bei den Gehaltsstufen von Frauen und Männern, bestätigt Helmut Wirtz, Geschäftsführer der IG Metall Stolberg: „Es wird nur die Tätigkeit bewertet, das Gehalt ist unabhängig von Geschlecht und Alter festgelegt.”

Des Weiteren geht er davon aus, dass auch im Mittelbau, das heißt im kaufmännischen Bereich oder in der Verwaltung, gleiche Tarife gelten. Bei der Stadtverwaltung wird nach den Vorschriften des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst (TVöD) gezahlt. Der sei diskriminierungsfrei, versichert der stellvertretende Personalratsvorsitzende Michael Delens.

Von der Dalli-Group wollte weder der Betriebsrat noch die Geschäftsführung Auskunft über Tarife des Unternehmens geben.

Viola Denecke, stellvertretende Landesbezirksleiterin Nordrhein der zuständigen Gewerkschaft IGBCE, sagt: „Dalli gehört nicht dem Arbeitgeberverband Chemie an, so dass die tariflichen Bedingungen über einen Haustarifvertrag geregelt sind. Die Entgeltstrukturen orientieren sich am Flächentarifvertrag Chemie.”

Aus den Strukturen heraus würden sich Entgelt-Ungleichheiten allerdings nicht ablesen lassen. Dafür bedürfe es einer Analyse über die Eingruppierung der Beschäftigten, meint Denecke. Diese Personal- und Eingruppierungsstruktur liege der Gewerkschaft nicht vor. „Das liegt im Zuständigkeitsbereich der Betriebsräte”, sagt sie.

Die IGBCE sei zwar zurzeit dabei, gemeinsam mit den Betriebsräten Entgeltstrukturanalysen vorzunehmen, doch gehöre Dalli nicht zu diesen Pilotprojekten.

Unterschieden werden muss bei der Diskussion um den Lohnabstand auch zwischen der Frage nach den Tarifen und der nach den Möglichkeiten für Frauen, überhaupt an führende Positionen zu gelangen.

Bei der Stadtverwaltung befinden sich deutlich mehr Männer als Frauen in leitenden Funktionen, gibt Delens zu: „Was das Thema angeht, sieht es mau aus.”

Wenn Frauen in den Erziehungsurlaub gehen, würden sie meist von den Männern überholt, erklärt er sich diesen immer noch andauernden Trend.

„Einfache Tätigkeiten”

Ein anderes Beispiel ist Leoni Kerpen. „Bislang befinden sich bei uns keine Frauen an der Spitze”, sagt Betriebsratsvorsitzender Karl-Heinz Lach. Allerdings gibt er zu bedenken, dass auch nur 15 Prozent der Beschäftigten weiblich sind.

Rein theoretisch hätten sich die Chancen auf einen beruflichen Aufstieg für Frauen auch hier - dank des ERA - erheblich verbessert. Für Viola Denecke von der IGBCE ist die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie nur einer der Gründe für den enormen Lohnabstand, den die EU-Studie offenbart hat - zumindest in der chemischen Industrie.

Weniger die Entgeltstrukturen seien der auslösende Faktor, sondern „vor allem andere, auch schlechtere Berufsmöglichkeiten für Frauen”, meint sie.

Genauso weiß Helmut Wirtz aus praktischer Erfahrung, dass es immer noch Ungerechtigkeiten gibt. „Führungspositionen, bei denen es um hohe Einkommen geht, werden immer noch häufiger mit Männern besetzt - und „einfache Tätigkeiten” häufiger mit Frauen.”

Der Leitsatz „gleiche Arbeit, gleiches Geld” mag für weibliche und männliche Beschäftigte in Stolberg also überwiegend gelten, „gleiche Zugänge zu gleichen Positionen” hingegen noch nicht.

Kampagnen und Aktionen zum Lohnabstand

Wegen des großen Lohnabstands wurde Deutschland von der Brüsseler EU-Kommission scharf gerügt. Viviane Reding, für Grundrechte zuständige Kommissarin, hat Gespräche und Kampagnen zur Gleichstellung angekündigt.

Erstmals droht Brüssel mit Sanktionen. Man werde nicht davor zurückschrecken, notfalls auch zu „geeigneten Rechtsinstrumenten zu greifen”, um den Lohnabstand zu verringern, betonte Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Auch das nationale Aktionsbündnis zum Equal Pay Day hat nach Bekanntgabe der Zahlen weitere Initiativen angekündigt. Am 25. März 2011 ruft es wieder zum Equal Pay Day auf. Der Aktionstag kennzeichnet den Tag, bis zu dem Frauen nach Ablauf eines Jahres länger arbeiten müssen, um das durchschnittliche Vorjahresgehalt der Männer zu erreichen.

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