Zug der Erinnerung: Eine Mahnung vor dem Nazi-Aufmarsch

Von: Martina Rippholz
Letzte Aktualisierung:
zugdererinnerung_bu
Kommt nun nach Stolberg: Der „Zug der Erinnerung”, in dessen Waggons Fotos, Briefe und andere Dokumente von Kindern und Jugendlichen erzählen, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Die Ausstellung gilt für Stadt und „Stolberger Bündnis gegen Radikalismus” als mahnendes Zeichen für den Neonazi-Aufmarsch eine Woche später. Foto: Heike Lachmann

Stolberg. Er kommt zum richtigen Zeitpunkt und setzt so ein Zeichen: der Zug der Erinnerung. Er hält heute und morgen den ganzen Tag am Gleis an der Brauerreistraße.

Nur etwas mehr als eine Woche vor den angekündigten Neonazi-Aufmarsch informiert die rollende Ausstellung in der Kupferstadt über die Deportation von über einer Millionen Kindern und Jugendlichen im Dritten Reich und über die Täter aus den Reihen von Polizei, SS und Reichsbahn.

„Wir freuen uns, dass der Zug vor allem jetzt, vor dem 9. April, hier hält”, sagt Petra Jansen, Pressesprecherin der Stadt Stolberg. „Die Ausstellung erinnert an die schrecklichen Gräueltaten der Nazis und kann die Bevölkerung wachrütteln.”

Genau das tut sie seit November 2007. Seither fährt der Zug der Erinnerung durch Deutschland und Polen. Auch in Aachen hat er 2008 schon mal Halt gemacht. In diesem Frühjahr ist er nun unter anderem in Stolberg, präsentiert vom „Stolberger Bündnis gegen Radikalismus” und unterstützt durch das Bistum Aachen, das Büro der Regionaldekane und den Katholikenrat.

Niemand half

In Eisenbahn-Waggons zeigen Fotos, Briefe und andere Dokumente, welchem Schicksal Kinder von Juden, Sinti und Roma, Widerständlern und Kinder mit einer Behinderung in Zügen unter dem Decknamen DA („David”) entgegenfuhren. Die Deportationszüge hatten ein bevorzugtes Ziel: Ausschwitz. Auf dem Weg hielten sie in zahlreichen deutschen Städten. Niemand half.

Erzählt wird diese grausame Geschichte anhand von Biografien. Auch aus Stolberg sind Kinder und Jugendliche deportiert worden. Beispielhaft stehen dafür Stefan Lassisch, der 1943 mit nur elf Jahren in Ausschwitz starb, und die Jüdin Regina Zinader (Jahrgang 1936), deren Spur sich nach ihrer Deportation in den Osten verliert. Ihre allzu kurze Lebensgeschichte hat Karen Lange-Rehberg, langjährige engagierte Stolbergerin gegen Rassismus, im von ihr herausgegebenen „Schwarzbuch” skizziert.

Das Buch erinnert an insgesamt 255 Menschen, die in Stolberg lebten und von Nazis ermordet wurden. Seit Ende Februar ist „Schwarzbuch” im Internet unter der Seite des Bündnisses gegen Radikalisierung zu finden.

Im Vorfeld der Ausstellungshalts in Stolberg gab es Kritik an der deutschen Bahn. Die Stadt Stolberg protestierte gegen die hohen Nutzungsgebühren der Schienen und schrieb einen Brief an den Verkehrsminister Peter Ramsauer, Außenminister Guido Westerwelle sowie Bahnchef Rüdiger Grube.

Derweil teilen sich Bistum und Stadt die Kosten, unterstützt von dem Regionalbahnbetreiber EVS und anderen Sponsoren. Fast ausgebucht sind in Stolberg mittlerweile die Führungen für Gruppen und Schulklassen durch den Zug der Erinnerung, die zwischen 20 und 40 Minuten dauern. „Vormittags sind alle Termine belegt. Nur nachmittags gibt es noch freie Zeiten”, erklärt OB-Referentin Jansen. „Aber wir hoffen auf einen regen Zuspruch von Einzelpersonen. Denn die können jederzeit vorbeikommen und die Ausstellung in den Waggons besuchen.”

Um 10 Uhr wird es eine Auftaktprogramm geben. Außerdem können alle Besucher vor Ort an beiden Tagen am geplanten „längsten Soli-Banner der Welt” mitwirken, das am 9. April bei der Demonstration gegen den Nazi-Aufmarsch ausgebreitet werden soll. „Jeder, auch ganze Schulklassen, können kreativ tätig werden. Das Bündnis gegen Radikalisierung hält genügend Materialien bereit”, so Jansen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert