Zeitungsrunde im Seniorenzentrum „Helfende Hand”

Von: Lukas Franzen
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Christina Schmidt-Ohligschläger mit den Bewohnern des Seniorenheims. Foto: Lukas Franzen

Stolberg-Gressenich. Am Montag werden sicherlich die Ereignisse in Japan das große Thema in dieser Runde sein. Aber ältere Menschen plaudern auch gerne einmal „aus dem Nähkästchen”. Bei der „aktuellen Stunde” des Gressenicher Seniorenheims „Helfende Hand” kann diese Redewendung an jenem Montagmorgen sogar wörtlich genommen werden.

Denn auf Seite 7 der Ausgabe unserer Zeitung steht unübersehbar geschrieben: „Schneidern, Stricken und Schmieden wie die Profis - Mode selbst machen liegt auch bei Jüngeren im Trend”. Schnell wird jedoch deutlich: Am großen Tisch des Gesprächskreises haben sich in Anbetracht der zahlreichen Anekdoten und persönlichen Erfahrungsberichte zum Thema Handarbeit ebenfalls jede Menge „Häkel-, Strick- oder Nähprofis” versammelt, die sich munter über ihre Vergangenheit austauschen.

Großes Interesse an der Runde

„Neuigkeiten gibt es beim Friseur, in der Kneipe oder beim Bäcker”, sagt Christina Schmidt-Ohligschläger, doch Menschen, die in ihrer Mobilität, beim Hören oder Sehen eingeschränkt sind, falle die Informationsbeschaffung selbst inmitten unserer modernen Mediengesellschaft schwerer als anderen. Und so kam die Ausbilderin auf die Idee einer regelmäßigen Zeitungsrunde, die gleichzeitig Gesprächsfähigkeit fördern und Diskussionsfreude bei älteren Menschen anregen soll.

Es ist 10.15 Uhr als sie das aktuelle Zeitungsexemplar aufschlägt und die elf Teilnehmer zu einer neuen Zeitungsrunde begrüßt. Der große Gemeinschaftsraum des Seniorenheims ist gut besucht, denn für viele Bewohner ist die „aktuelle Stunde” zu einem festen Bestandteil ihres Vormittagsprogramms geworden. Seit über einem Jahr starten sie mit der regelmäßigen Zeitungsrunde jeden Montag in die neue Woche und halten sich auf diese Art und Weise über das Geschehen in Stolberg, Deutschland und der Welt auf dem Laufenden.

Einen festen Ablauf ihrer „aktuellen Stunde” gebe es nicht, weiß die Mitarbeiterin der „Helfenden Hand” aus Erfahrung. Doch als Vorleserunde nach dem Modell „einer predigt, die anderen hören zu” möchte sie ihr Angebot auf keinen Fall verstanden wissen. Christina Schmidt-Ohligschläger versteht sich als Moderatorin - Dialog und Diskussion stehen im Vordergrund in ihrem Gesprächskreis.

Eine Frage wird an diesem Montag wie immer als erstes geklärt: „Wie wird das Wetter?” „Grau in grau”, stellen die Senioren bei einem Blick aus dem Fenster schnell fest und auch die Zeitung vermeldet keine Besserung: „trüb, wolkig und weiterhin kühl”.

Natürlich beschäftigt die Bewohner der „Helfenden Hand” auch der Konflikt in Libyen. Auf Dauer werde sich Gaddafi nicht halten können, sind sich fast alle einig. Es werde aber noch viele Tote geben, so die Befürchtung vieler Bewohner. Auch das Schicksal von Samuel Koch, dem verunglückten „Wetten-Dass” Teilnehmer, ist erneut Thema in dem Ressort „Aus aller Welt”.

Viele Heimbewohner haben seinen Unfall damals live am Fernseher mit verfolgt und erhalten so die Gelegenheit auf dem aktuellen Stand seines Genesungsprozesses zu bleiben. „Was Menschen alles aushalten können”, merkt ein Bewohner an, als es um die Rettung von Neuseeländischen Erdbebenopfern geht und auch die Berichterstattung im Lokalteil rund um tödlichen Sprung am Stolberger Krankenhaus beschäftigt die Senioren an diesem Montagmorgen.

Bedrückende Schlagzeilen

„Viele unserer Bewohner kommen aus den Stolberger Ortsteilen und interessieren sich deshalb vor allem, was in Stolberg so passiert”, erzählt Schmidt-Ohligschläger. Und während sich die Frauen eher für Mode und „Klatsch und Tratsch” in der Zeitung interessierten, gäbe es bei den Männern oft heiße Diskussionen rund um das Thema Sport und Politik. So scheiden sich an diesem Montag die Geister an dem Deutschlandbesuch des türkischen Regierungschefs Erdogan, der vor seinen Landsleuten in Düsseldorf gefordert hatte, zunächst türkisch zu lernen. „Ich habe in meinen Berufsleben sehr gute Erfahrungen mit meinen türkischen Kollegen gemacht”, berichtet der eine, während der andere Bewohner eine bessere Anpassung an die deutsche Kultur wünscht.

Bei allen Kontroversen rund um das Geschehen in Deutschland und der Welt, sind sich die Senioren der „Helfenden Hand” jedoch in einem Punkt sehr einig. „Es ist meistens sehr bedrückend, was in der Zeitung steht und wie viel Unglück in der Welt herrscht”, so das Fazit der gut informierten Rentner, die sich über mehr positive Schlagzeilen der Morgenlektüre freuen würden. „100 Euro mehr Rente, das wäre doch mal eine tolle Nachricht”, scherzen die Senioren, bevor sich die „aktuelle Stunde” schon wieder ihrem Ende neigt und „da draußen” wo möglich etwas geschehen ist, was es spätestens an diesem Montag zu besprechen gilt. Und dazu werden heute sicherlich auch die schlimmen Ereignisse in Japan zählen - neben diesem Artikel über die „aktuelle Stunde”.
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