Zehn Meter hohe Bäume landen mit einem Griff in der Schaufel

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
11850826.jpg
In den riesigen Rundspaten passen 6,5 Kubikmeter Wurzelballen, mit denen fünf Kastanien auf dem Kaiserplatz mit einem Griff ausgehoben und umgesetzt werden. Huckepack auf dem Lkw treten sie ihre Rundreise zum neuen Standort hin an.
11850824.jpg
In den riesigen Rundspaten passen 6,5 Kubikmeter Wurzelballen, mit denen fünf Kastanien auf dem Kaiserplatz mit einem Griff ausgehoben und umgesetzt werden. Huckepack auf dem Lkw treten sie ihre Rundreise zum neuen Standort hin an. Foto: J. Lange
11850823.jpg
In den riesigen Rundspaten passen 6,5 Kubikmeter Wurzelballen, mit denen fünf Kastanien auf dem Kaiserplatz mit einem Griff ausgehoben und umgesetzt werden. Huckepack auf dem Lkw treten sie ihre Rundreise zum neuen Standort hin an. Foto: J. Lange

Stolberg. Wer am Dienstag nicht gesehen hat, wie zehn Meter hohe und 30 Jahre alte Kastanien versetzt werden, hat am Mittwoch noch die Gelegenheit dazu. Es ist ein Erlebnis, das sich neben Passanten zwei Mitarbeiter der Würselener Stadtverwaltung nicht entgehen lassen, die ähnlich große Dinge bewegen wollen wie die Kupferstadt.

Sie lässt die Kastanien umsetzen, um ihren zentralen Platz zu sanieren und aufzuwerten sowie belebter und nutzbarer zu machen.

Das bayerische Spezialunternehmen Opitz aus dem mittelfränkischen Heideck nimmt dazu im Prinzip zwei gigantische und gezahnte Löffel und einen schweren Lastwagen. Immerhin hat das geschlossene Halbrund der Rundspatenmaschine „Optimal 300“ einen oberen Durchmesser von drei Metern und fasst ein Volumen von 6,5 Kubikmetern.

Damit sind die hydraulischen Riesenlöffel auf dem fünfachsigen Lastwagen tschechischer Bauart die größten ihrer Art in Europa, erzählt Bauleiter Dr. Bernd Küster. Die Rundspatenmaschine und ihre kleineren Geschwister des Unternehmens sind quasi jeden Tag im Einsatz, um Bäume zu bewegen. Sei es bei Adidas in Herzogenaurach, im Europapark Rust, an der Nationalbibliothek in Paris oder eben auf dem Stolberger Kaiserplatz.

Dort haben die heimischen Baumpfleger von Sequoia vor zwei Wochen im äußeren Beetring alte, abgängige und kranke Kastanien gefällt. Nun werden vitale jüngere Bäume aus dem inneren Ring in die Lücken gesetzt. Insgesamt sechs der rotblühenden und etwa drei Jahrzehnte jungen Bäume wechseln in diesen Tagen ihren Standort. Fünf verbleiben auf dem Kaiserplatz. Obwohl der Umgang mit diesen Pflanzen ein wenig grobschlächtiger wirkt als mit dem Bonsai im heimischen Badezimmer, so ist auch im großen Maßstab Sorgfalt und Vorsicht oberstes Gebot für die fünf aus Bayern angereisten Mitarbeiter.

So wird zuerst der neue Standort für den alten Baum vorbereitet. Maschinenführer Dieter Mayerhöfer hebt mit seinem „Optimal 300“ das zukünftige Pflanzloch passgenau für den Wurzelballen aus. Ein Kollege lockert mit einem überdimensionalen Korkenzieher an seinem Bagger den Untergrund für das zukünftige Wurzelwachstum auf, während Mayerhöfer mit seinem Tatra die erste Kastanie, die „fliegen lernen“ soll, ansteuert.

Bevor Mayerhöfer mit dem Rundspaten wie ein „Pacman“ des Videospiels aus den Anfängen des Computer-Zeitalters „zubeißen“ kann, haben Kollegen bereits im Umfeld sorgsam die Wurzeln des Baums durchtrennt und umliegenden Bewuchs entfernt. Der Maschinenführer rangiert den Tatra in Position, fährt die riesigen Schaufeln aus und lässt sie ganz sanft in die Erde greifen. Doch bevor der Rundspaten mit einem leichten Rucken wieder aus dem Boden gezogen werden darf, verzurren Dieter Mayerhöfer und Bernd Küsters den Stamm mit der Schaufel, wobei ihn ein dickes Gummikissen vor Narben des Seils schützt, so dass die Kastanie transportsicher im Topf sitzt wie der Stiel im Eis.

Ein kurzer Druck auf den Knopf und spielend leicht hebt die Maschine die zehn Meter hohe Kastanie mit ihrem 6,5 Kubikmeter fassenden Wurzelballen aus der Erde, als würde man eine Tulpenzwiebel aus dem sandgefüllten Tontopf ziehen. Dann tritt der Baum seine Rundreise an – teils liegend, schräg oder auf dem Lkw stehend, so wie es nun einmal Kurven oder Leitungen erfordern. Über den Kaiserplatz an Rathaus und Eisdiele vorbei, am alten Amtsgericht und ehemaligen Gymnasium vorsichtig so um die Kurven, dass Verkehrszeichen, die Äste anderer Bäume und Fassaden nicht allzu sehr stören, hin zum neuen Standort: Gegenüber dem Medizinischen Versorgungszentrum im einst kaiserlichen Postgebäude wird die junge Kastanie ihren wesentlich älteren Kolleginnen zur Seite gerückt.

So manche Passanten staunt nicht schlecht, als ihnen beim Verlassen von Ärzten, Apotheken oder Physiotherapeuten ein Baum an der Nase vorbeischwebt, doch ohne großes Aufhebens streben sie ihren weiteren Zielen entgegen. Anders die männlichen Passanten, die gebannt die Umbettungsaktion verfolgen, Handy, Tablet oder Kamera zücken und sie für die Nachwelt festhalten. Auch einige Mitglieder der Grünkolonnen des Technischen Betriebsamtes lassen sich das Schauspiel nicht entgehen – man kann immer etwas lernen.

Beispielsweise, dass es mit dem Umsetzen alleine noch längst nicht geschehen ist. „Die Wurzeln werden so bearbeitet, dass sie glatt abgeschnitten werden“, erzählt Bernd Küster, damit die Bildung neuer feiner Haarwurzeln angeregt wird. Rund um den versetzten Ballen wird eigens eine Rehabilitationszone angelegt. Mittel zur Bodenverbesserung werden eingearbeitet. Mykorrhizapilze gehen eine Symbiose mit der Kastanie ein; sie liefern der Pflanze Nährsalze sowie Wasser und erhalten einen Teil der durch die Photosynthese der Pflanzen erzeugten Assimilationsprodukte. Dennoch werden über Jahre hinaus die verpflanzten Kastanien gepflegt und versorgt werden müssen. „Aber ich bin sehr optimistisch“, sagt Küster.

So wie fast immer. „Unsere Erfolgsquote liegt bei fast 100 Prozent“. Die gemeinsam mit Landschaftsarchitektin Andrea Winterscheid vorab begutachteten Bäume machen „einen sehr vitalen Eindruck.“ Auch die sechste Kastanie. Sie tritt nicht nur eine Rundfahrt um den Kaiserplatz an, sondern soll am Mittwoch auf den Donnerberg versetzt werden. In 1,5 Kilometer Entfernung wartet an der Albert-Schweitzer-Straße die neu gestaltete Grünanlage auf den Baum. Am Mittwoch bleibt es also spannend in Stolberg.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert