Wo Veilchen zu Tausenden blühen: Leser zu Gast in der Hofgärtnerei

Von: Jürgen Lange
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In der Hofgärtnerei werden die Pflanzen einzeln umgetopft und liebevoll zu verkaufsreifen Exemplaren aufgezogen. Foto: J. Lange
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Solch ein Doppelblatt der Geranie eignet sich als Steckling für die Anzucht der Pflanzen für den nächsten Sommer. Foto: J. Lange
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Die kleinen Jungpflanzen werden palettenweise angeliefert. Foto: J. Lange
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Rund um den Brunnen im Innenhof ist immer etwas Schönes zu entdecken.

Stolberg. „Das ist ja hier wie in einem kleinen Paradies“, bringt eine Leserin am Ende der Tour die Meinung der ganzen Gruppe auf den Punkt. In der Hofgärtnerei Müllejans tauchen die Teilnehmer unserer Lesertour für zwei Stunden ein in eine farbenfrohe Welt bunter und duftender Blüten, zwitschernder Vögel, scharrender Hühner und wiehernder Pferde.

Das insgesamt sieben Hektar große Gelände gegenüber dem Friedhof Buschmühle ist nicht nur eine Oase für alle Gartenfreunde. Für Herbert und Gabi Müllejans mit Tochter Lena ist hier ein Traum in Erfüllung gegangen, den sich die Familie hart erarbeitet hat. „Wer das hier so macht wie wir muss schon jede Menge Enthusiasmus mitbringen“, sagt Herbert Müllejans und erzählt von den Anfängen des Betriebes.

Und diese liegen weit zurück und gründen in der Landwirtschaft, die Eltern und Großeltern nahe dem Reichswald zwischen Verlautenheide und Eilendorf betrieben haben. Herbert Müllejans hat zwar ein großes Herz für Tiere, aber das für Pflanzen ist noch viel größer. „Ich hatte schon immer Spaß schöne Blumen zu ziehen“, sagt Müllejans. Als Kind fängt er damit auf dem Hof an einer Ecke an, die immer größer wird. Der Schule folgen Lehre, Gesellenzeit und 1986 die Meisterprüfung.

Als Herbert Müllejans 1987 zum Wehrdienst bei der Bundeswehr einrücken muss, hat er sich schon längst nebenbei ein florierendes Gewerbe aufgebaut. „Ich bin mit ein paar Eimern voll frisch geernteter Schnittblumen von Blumenhandlung zu Blumenhandlung gefahren, um sie anzubieten“, strahlt der Gartenbaumeister der Fachrichtung Zierpflanzen heute noch über die gute Nachfrage nach den hochwertigen Blumen. Die violettblauen Staticen, bunte Löwenmäulchen und großblütige Zinnien waren für Müllejans die Blumen der ersten Stunden.

„Das erinnert mich an meine Großmutter“, ruft erfreut Ursula Rusche aus, als sie im Folienhaus genau diese drei Sorten in Reih und Glied entdeckt. „Ja, ich habe mir wieder welche gezogen“, schmunzelt Müllejans. „Sie sind heute wieder sehr gefragt.“

Gefragt waren die Produkte des Meisters jedenfalls vor 30 Jahren so sehr, dass er zum 1. April 1987 sein Geschäft anmeldet. In der Zwischenzeit hat Herbert seine Frau Gabi kennengelernt, „die gleich vom ersten Tag an mit angepackt hat“, sagt er stolz. Und sie bildete sich weiter zur Friedhofsgärtnerin – längst ein weiteres Standbein des Familienbetriebes mit heute insgesamt acht Mitarbeitern – inklusive zwei Auszubildende. Ein erstes Gewächshaus mit 200 Quadratmeter Fläche entsteht auf dem Bauernhof der Großeltern. Stiefmütterchen werden zu Tausenden aufgezogen.

Dann findet er am Eilendorfer Markt findet eine „alte Frittenbude“, die in Eigenleistung umgebaut wird. „Bei der Eröffnung am 9. Oktober 1989 zählten wir 140 zahlende Kunden“. Herbert Müllejans hat erfolgreich die Keimzelle für einen langsam, aber stetig expandierenden Betrieb gelegt. „Immer so, wie das Geld reichte“, sagt er bescheiden. Er erlangt die Zulassung als Gärtner für die Aachener Friedhöfe, beantragt die Aufnahme in die Innung, schließt sich der Handwerkskammer an, um ausbilden zu können. „Wir brauchten schnell weitere Mitarbeiter“, erzählt er.

Mit der Geburt von Tochter Lea – sie ist mittlerweile seit zwei Jahren im Betrieb engagiert – erwirbt die Familie 1994 die Fläche am Sebastianusweg. Erst 2006 wird der Bauantrag gestellt. „Da war das Land bezahlt“. 2007 beginnt – überwiegend in Eigenleistung – der Bau von Halle, Gewächshaus und Geschäft, das zwei Jahre später eröffnet werden kann. Mittlerweile stehen 1000 Quadratmeter Gewächshausfläche und 800 Quadratmeter Freibeete bereit. Das Privathaus ist bezogen. „Aber erst in den letzten Tagen im Urlaub bin ich dazu gekommen, meinen eigenen Vorgarten in einen Rasen zu verwandeln; ich habe ja nie Zeit“, schmunzelt Müllejans und blickt auf eine kleine Idylle, zu der Esel, Pferde, freilaufende Hühner, brütende Schwalben, zwitschernde Singvögel und ein Hund gehören.

Und an diesem Tag natürlich auch jede Menge Fragen wissbegieriger Leser. Eine Dame hat ein paar Exemplare ihrer geschundenen Rosenblätter mitgebracht. „Mehltau!“, sagt der Fachmann sofort. „Wenn man ihn sehen kann, ist es meist schon zu spät“. Denn dann hat sich der Pilz schon ausgebreitet – erkennbar am abwischbaren, weißen, später schmutzig-bräunlichen Belag, gerne an Rosen und Astern. Vorbeugend müssen die Blätter behandelt werden, damit sich die unterschiedlichen Pilzarten nicht ausbreiten können ...

Und schon sind Leser und Gärtner in einem intensiven Dialog über unterschiedliche Behandlungsmethoden chemischer und natürlicher Art vertieft. Pflanzen, ihre Schädlinge und Krankheiten sowie das Düngen sind Themen , die sich wie ein rotes Band durch den Nachmittag ziehen. Und immer wieder wird erkennbar: Dieser Job verursacht viel Arbeit und man muss seinen Beruf schon lieben.

Zum Beispiel bei den gerne als Grabdeckern genutzten Koniferen. Zu Tausenden zieht Herbert Mülle­jans sie immer wieder mal selbst aus Stecklingen. Zwei, drei Zweige schräg anschneiden, in einen Topf mit Erde einsetzen und stetig, aber mäßig feucht halten. „Jede Stunde rund um die Uhr besprühen – auch am Wochenende“, sagt Müllejans, ohne den kleinen Seitenhieb auf Berufstätige mit streng geregelten Arbeitszeiten auszusprechen.

Bei den Geranien ist das nicht ganz so schwierig. Ein Blattpaar der Mutterpflanze wird gerade angeschnitten und eingesetzt, muss aber nicht ganz so penibel feucht gehalten werden. Aber die Menge macht‘s: 5000 Stecklinge wollen in den nächsten Tagen geschnitten und eingepflanzt werden. „Lea macht das besonders gerne“, sagt Müllejans stolz.

Bei Silberblatt und Veilchen nutzt der Hofgärtner aber mittlerweile die Angebote spezieller Aufzuchtbetriebe. „Stiefmütterchen in Mengen aus Samen zu ziehen ist wirklich kompliziert“. Das Millimeter kleine Korn darf nur mit einer ebenso dünnen Erdschicht bestäubt sein, muss die ersten Tage eher trocken im Dunkeln gehalten werden, braucht dann aber schnell Licht und Wasser. „Da muss man dauernd ein Auge drauf haben“, so Müllejans. Der Preis für ein Saatkorn liegt bei etwa sechs Cent, die Jungpflanze kostet acht Cent.

Angesichts dieser geringen Differenz, der vielen Arbeit und des großen Anzuchtrisikos ordert Müllejans lieber sein Pensum von mehr als 10.000 Stiefmütterchen. Die kommen dann in diesen Tagen wochenweise in Hunderten Paletten mit je 225 Pflänzchen, um an der Buschmühle in Töpfe umgesetzt und liebevoll aufgezogen zu werden. Eine automatische Topffüllmaschine hilft bei dieser aufwendigen Tätigkeit. Zum Einsatz kommt dabei eine eigene Mischung aus unterschiedlichen Erdkomponenten und Düngeranteilen. „Ich habe die Mixtur über die Jahre selbst ausgetüffelt“, sagt Müllejans. „In dieser Erde entwickeln sich die Pflanzen wirklich gut und kräftig“.

Was den Stiefmütterchen recht ist, gilt auch für die gut 120.000 Pflänzchen, die in jedem Jahr in der Hofgärtnerei selbst groß gezogen werden. Und der Unterschied zu den Pflanzen aus den großen Märkten? Sie stammen aus einem europaweiten Vertriebsnetz und unterliegen dadurch gewissen Normen, um Verpackung und Transport gewährleisten zu können, erläutert der Gartenbaumeister. Deshalb werden die Pflanzen behandelt, um Entwicklung und Größe bei einem gewissen Maß „einzufrieren“. Erst Wochen später lassen die Folgen dieser Behandlung nach. Dann haben die selbst gezogenen Blümchen schon längst einen kräftigen Schub gemacht.

Apropos Schub. Den machen auch unerwünschte Wildkräuter wie Feldwinde oder Ackerschachtelhalm, denen kaum beizukommen ist. Chemie, die helfen könnte, wäre zugleich der Todesstoß für die Zierpflanzen, und beim Ausgraben der Wurzeln kann man kaum alle erwischen. „Da hilft nur regelmäßiges Jäten, um die Unkräuter im Zaum zu halten“, sagt Müllejans. Gartenarbeit macht nun einmal Arbeit ...

Und das viele Fachsimpeln sorgt für Appetit. Gerne genießen zum Ende unserer Tour die Leser den von den Hausherren im warmen Gewächshaus gereichten Kaffee und den „von Oma“ selbst gebackenen Butterkuchen. Wobei das Thema Blumen natürlich noch nicht abgehakt ist: „Was kann ich denn mit der fast entlaubten Rose machen“, fragte eine Leserin. Herbert Müllejans holt einen Rosenstock demonstriert den Rückschnitt, plaudert über die Veredlung. „Tja, über Blumen kann ich stundenlang sprechen.“

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