„Wir streiken auch zum Wohle der Kinder“

Von: Michael Grobusch
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Sehen viele gute Gründe für den Streik im öffentlichen Sozial- und Erziehungsdienst: Christiane Matheis (v.l.), Waltraud Röwer, Gaby Köhler und Joachim Paul. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Die Szene auf der Terrasse eines Cafés in der Stolberger Innenstadt könnte falsche Schlüsse nach sich ziehen. Das wissen Christiane Matheis, Gaby Köhler und Waltraud Röwer. Doch nicht nur deshalb kommen sie gleich zu Beginn des Treffens mit unserer Zeitung auf einen für sie sehr wichtigen Punkt zu sprechen.

„Es ist nicht so, dass wir gerne streiken. Wir würden viel lieber arbeiten“, stellen die beiden Erzieherinnen und die Sozialpädagogin klar. Es ist Freitagmittag, und die dritte Woche des unbefristeten Ausstandes im öffentlichen Sozial- und Erziehungsdienst geht zu Ende. Ein Ende der Streiks aber ist weiterhin nicht in Sicht, auch wenn sich die Gewerkschaft Verdi und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) nach dem Wochenende auf Bundesebene erstmalig wieder an einen (Verhandlungs-) Tisch setzen wollen. Zu weit sind beide Seiten voneinander entfernt. Auch nach dem vermeintlichen Angebot, das die Arbeitgeber am Donnerstag präsentiert haben.

„Wir waren bei der zentralen Kundgebung in Frankfurt und hatten davon gehört, dass es ein Angebot gebe. Später stellte sich dann aber heraus, dass es sich dabei um nichts Anderes handelt als den unzureichenden Vorschlag, der schon seit Wochen vorliegt“, zeigt sich Waltraud Röwer enttäuscht. Sie fühlt sich weiterhin unverstanden in ihren Gründen, die sie zum Streik bewegen. Und den Kolleginnen geht es genauso.

„Wir streiken auch zum Wohle der Kinder und Familien“, betont Gaby Köhler, die die Forderung nach einer besseren Eingruppierung in der Entgelttabelle des öffentlichen Dienstes in den Zusammenhang stellt mit den vielen Veränderungen, die die Arbeit in den Kindertagesstätten in den vergangenen Jahren erfahren hat. „Die Gehaltsstufen sind 1991 zum letzten Mal verändert worden. Und der Abschluss von 2009 hat lediglich dazu geführt, dass Einschränkungen, die junge Kolleginnen seit 2005 erfahren hatten, wieder zurückgenommen wurden. Da gab es keine Aufschläge von bis zu 33 Prozent, wie mancher Bürgermeister heute fälschlicherweise behauptet.“

Ein Blick auf die Entgelttabellen offenbart mitunter Merkwürdiges. Zum Beispiel, dass manche Höherstufung dazu führt, dass der Betroffene sogar weniger Geld bekommt. Oder das vermeintlich große Sprünge nur zu relativ kleinen Veränderungen führen. Beispielsweise die viel diskutierte Anhebung der Eingangstufe für Erzieherinnen von S6/1 (2366 Euro) auf S8/1 (2478 Euro). „Das würde einen Unterschied von monatlich 112 Euro brutto ausmachen“, rechnet Christiane Matheis hoch. „Und nicht, wie die Arbeitgeber behaupten, ein Plus von zehn Prozent oder gar 400 Euro mehr.“

Unabhängig von den konkreten Zahlen geht es den Streikenden aber auch ums Grundsätzliche. Sie verweisen auf längere und flexiblere Öffnungszeiten der Kitas, auf die zunehmende Zahl von Kleinkindern in den Einrichtungen, auf die Inklusion, steigenden Dokumentionsaufwand, komplexere Problemfälle, Sprachförderung und die Zusatzangebote, die sich durch die Gründung von Familienzentren ergeben haben. „Wir müssen immer mehr Aufgaben erledigen und haben dafür immer weniger Zeit“, stellt Gaby Köhler fest. Das wiederum führe zu großer Arbeitsbelastung, hohem Krankenstand und mangelhafter Kontinuität in der Beziehungsarbeit. „Unterm Strich leiden alle Beteiligten unter den schlechten Rahmenbedingungen“, bedauert Waltraud Röwer.

Dass sie als Sozialpädagogin nach den Vorstellungen der Arbeitgeber in der laufenden Tarifrunde sogar völlig leer ausgehen soll, verschlägt ihr fast die Sprache. „Wir haben steigende Fallzahlen, intensivere Beratungen, zunehmend schwerwiegende und vielschichtige Probleme und damit insgesamt eine wesentlich höhere Verantwortung und Beanspruchung“, erklärt Röwer.

Für sie wie auch für ihre Kolleginnen ist deshalb klar: „Wir streiken, bis es endlich ein akzeptables Angebot gibt.“ Die Probleme der Eltern, von denen sie bis dato sehr viel Zuspruch erhalten, wollen sie dabei nicht aus den Augen verlieren. „Wir wissen, dass diese Wochen für viele Mütter und Väter eine große Belastungsprobe darstellen“, räumt Gaby Köhler ein. „Aber wir haben keine andere Möglichkeit als den Streik, um die Arbeitgeber unter Druck zu setzen.“ Ein schlechtes Gewissen will sich die Erzieherin deshalb aber nicht einreden lassen. „Dass wir in einem sozialen Beruf arbeiten, kann nicht bedeuten, dass wir nicht für unsere Rechte kämpfen dürfen.“

Am Montag geht dieser Kampf weiter. Zum „internationalen Tag des Kindes“ (1. Juni) will sich die Gewerkschaft Verdi mit den Streikenden von 11 bis 14 Uhr vor dem alten Rathaus präsentieren und den Eltern und ihren Kindern neben vielen Informationen und Hintergründen zum Arbeitskampf auch ein kleines Unterhaltungsprogramm bieten.

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