Wettbewerb: 45 Minuten „Heavy Metal“

Von: Lukas Franzen
Letzte Aktualisierung:
8577507.jpg
Eine schweißtreibende Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes: Bevor die Metallrosen einem letzten Feinschliff unterzogen werden, legt Klassenlehrer Michael Hennig mit dem Schweißgerät selbst Hand an. Die kreative Arbeit müssen die 22 Schüler alleine erledigen. Foto: L. Franzen
8577510.jpg
„Heavy Metal“ ist auch etwas für Frauen. Mit dem Kugelhammer bringt Katharina Sonntag ihre Metallrose in die passende Form.
8577350.jpg
Sabine Bußmann will Frauen für Metallarbeit begeistern.

Stolberg. „Richtige Pflanzen verwelken, eine Blume aus Metall ist dagegen unvergänglich“, sagt Sabine Bußmann. In ihren Händen hält die Nachwuchsberaterin vom Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) einen Metallrohling, der mit ein wenig Fantasie bereits jetzt einer Blume ähnelt – einer Gerbera oder auch einer Sonnenblume zum Beispiel.

Binnen 45 Minuten soll das Stück Metall nun aber zu einer wesentlich kostbareren Gattung weiterverarbeitet werden: zu einer Rose. „Metallrose“ nennt sich dieser bundesweite Jugendwettbewerb, den Bußmann als Berufsorientierungsbeauftragte des Metallhandwerks, kurz „Bob“, an den Schulen und Berufskollegs in der Städteregion Aachen betreut. Nach dem Auftakt in Alsdorf ist an diesem Vormittag das Stolberger Berufskolleg an der Reihe, besser gesagt die Klasse von Michael Hennig. 22 Schüler absolvieren bei ihm ein so genanntes Berufsgrundschuljahr für Metall. „Es geht um berufliche Grundbildung, um anschließend einen handwerklichen Beruf, zum Beispiel in einem Metallbetrieb, ergreifen zu können“, erklärt der Klassenlehrer seinen Bildungsgang, an dessen Ende bei erfolgreichem Abschluss die mittleren Reife steht.

Neben dem Lehrer und der Betriebs- und Ausbildungsbegleiterin komplettiert Ingolf Pfeifer, Innungsbeauftragter des Bundesverbands Metall (BVM), eigens aus dem Ruhrgebiet angereist, die dreiköpfige Jury, die nach Ablauf der Zeit die gelungenste Metallrose küren wird. Dem Gewinner winkt nicht nur eine Urkunde, sondern auch der Einzug in den Bundesentscheid.

Dabei wird jedes Kunstwerk in drei Kategorien bewertet: Knospe, Blätter und Stiel. Die Gestaltung der Knospe stellt die zeitintensivste und gleichsam schwierigste Aufgabe dar. Folgerichtig sind hier gleich 15 von möglichen 30 Punkten zu erreichen. Bei ihrer Größe gilt: Je kleiner desto besser. Hat die Knospe eine bauchige Form? Wie sind die Kanten bearbeitet? Ein besonderes Augenmerk der kritischen Jury gilt auch diesen Fragen.

„Kaputt geht nur selten etwas“

„Seid kreativ. Macht, was ihr gut findet. Es geht nicht um Schnelligkeit“, lauten die letzten Tipps, die Sabine Bußmann der ersten elfköpfigen Gruppe des Tages noch mit auf den Weg gibt, bevor das große Biegen und Hämmern in der Schulwerkstatt seinen Lauf nimmt. Zunächst wird der Rosen-Rohling gut in einem Schraubstock befestigt. Kugelhammer, Kombi-, Wasserpumpen- und Spitzzange stehen den Schülern nun zur Verfügung, um das harte Metall in eine zart anmutende Rose zu verwandeln. „Kaputt geht nur ganz selten etwas und sollte durch Materialermüdung mal ein Stück abbrechen, lässt es sich auch wieder befestigen“, betont die Nachwuchsberaterin. „Viele Menschen wissen gar nicht, wie einfach es ist, Metall in Form zu bringen und binnen kurzer Zeit tolle Dinge damit entstehen zu lassen.“

Ist das Herzstück der Metallrose, die Knospe, vollendet, können sich die Siebzehn- bis Achtzehnjährigen eine kurze Verschnaufpause genehmigen, während für ihren Klassenlehrer die buchstäbliche Schweißarbeit beginnt. Mithilfe eines Schweißgeräts bringt der 40-Jährige nun die beiden Blätter, den Wünschen der Schüler entsprechend, an den Stiel an. Dann aber sind erneut seine Schüler gefordert, die Hammer und Zange gegen Kreuz- und Flachmeißel eintauschen, um die Blätter mit hauchdünnen Adern zu verzieren.

„Um derartige Gebilde aus Metall entstehen zu lassen, braucht es gleich mehrere Dinge: Kreativität, Kraft, viel Gefühl, ein gutes Auge und Feinmotorig“, weiß Sabine Bußmann. Besonders geeignet seien oftmals Frauen, denen die Perspektiven des Metallhandwerks jedoch nur selten bewusst seien. „Frauen arbeiten oft kreativer, präziser und sorgfältiger. Trotzdem sind ihnen viele Handwerksberufe, auch im Bereich Metall, noch unbekannt.“ Ingolf Pfeifer, der Innungsbeauftragte, gesteht ein: „Das Metallhandwerk ist immer noch sehr konservativ geprägt. Doch aus der Not heraus bricht diese Männerdomäne glücklicherweise nun immer mehr auf“, hofft der Betriebswirt auf ein Umdenken der Unternehmen und einen damit einhergehenden weiblichen Zuwuchs für seine Branche. Vier „Metallerinnen“ sind es immerhin schon in beim Metallrosen-Wettbewerb.

Wie auch ihre männlichen Kollegen verpassen sie den Stielen ihrer Rosen noch mit Hilfe von Drahtwolle den letzten Feinschliff, um etwa blau angelaufene Farbe frei zu putzen. Nach einer Dreiviertelstunde ist es geschafft. Ein Sieger ist nach beiden Runden ermittelt. Die Metallrose des Schülers Arif Verbovci schneidet am besten ab und geht in den Bundeswettbewerb.

Mächtig stolz ist Werkstattlehrer Hennig am Ende aber auf seine gesamte Klasse: „Ich habe befürchtet, dass sich so mancher Schüler zu cool für eine Rose fühlt. Aber alle sind sehr engagiert zu Werke gegangen.“ Schweres Metall – „Heavy Metal“ – und zarte Rosen? Für die Handwerksklasse des Berufskollegs kein Widerspruch.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert