Wer ein Instrument lernt, hat es im Leben leichter

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Herbert Merz führt seine Musikschule nun schon seit 30 Jahren. Am Sonntag veranstalten die Schülerinnen und Schüler erneut ein Benefizkonzert. Bei freiem Eintritt. Um Spenden wird gebeten. Foto: S. Gombert

Stolberg. Seit 30 Jahren gibt es die Musikschule Merz in Stolberg, seit 30 Jahren haben tausende Musikschüler bei Kantor Herbert Merz und seinem Team ein oder mehrere Instrumente erlernt. Am Sonntag gibt die Musikschule um 17 Uhr wieder ein Benefizkonzert im Zinkhütter Hof. Unsere Redakteurin Sarah-Lena Gombert hat sich im Vorfeld mit Herbert Merz über seine Arbeit, seine Schüler und über Musik unterhalten.

 

Herr Merz, Ihre Musikschule gibt es seit 30 Jahren. Wenn Sie heute vor der Entscheidung stünden: Würden Sie diesen Schritt noch einmal machen?

Merz: Das würde ich wieder machen, und zwar aus dem gleichen Grund, warum ich das damals schon gemacht habe. Ich möchte mir nicht vorwerfen lassen müssen, nichts gemacht zu haben, als die Musikpädagogik in Stolberg am Boden lag. Es stand doch damals die Frage im Raum: Überlassen wir das Menschen, die etwas von Musik verstehen, oder eher Geschäftsleuten, die die Gewinnoptimierung durch den Verkauf von Instrumenten im Vordergrund sehen.

Wie viele Schüler hat die Musikschule Merz in 30 Jahren gesehen? Und gibt es in den vielen Jahren Schüler, an die man sich immer erinnert?

Merz: Da fällt mir ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ein. Der Schüler hat bei uns Klavier und Trompete gelernt, und dann an der Kölner Musikhochschule ein Pre-College-Studium gemacht, also eine Ausbildung für besonders begabte junge Musiker. Schön ist auch zu sehen, wenn Eltern, die früher während meiner Kantoren- Tätigkeit in meinem Kinderchor waren, heute wiederum ihre Kinder zur Musikschule bringen. Wenn so etwas passiert, dann haben wir wohl nicht alles falsch gemacht (lacht). Tausende von Schülerinnen und Schülern sind in den 30 Jahren durch unsere Musikschule gegangen.

Gab es in den 30 Jahren denn auch Momente, wo es aus Ihrer Sicht besonders schwierig war?

Merz: Nein, im Grunde nicht. Musikschule befindet sich immer in einem Prozess. Wir müssen auch mit unseren pädagogischen Konzepten am Puls der Zeit bleiben, das Ohr an den neuen Entwicklungen haben. Ein wichtiger Umbruch war für uns zum Beispiel, als wir in die Schulen hineingegangen sind. Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass wir nicht darauf hoffen können, dass die Kinder alle von ihren Eltern ins Kulturzentrum gebracht werden. Da gab es im Kollegium schon Diskussionen. Solchen Herausforderungen muss man sich stellen.

Warum ist es in Ihren Augen denn überhaupt so wichtig, dass Kinder Musik lernen?

Merz: Ich möchte da auf Professor Hans Günther Bastian verweisen. Kurz gesagt: Es ist eindeutig bewiesen, dass man es in seiner Schullaufbahn leichter hat, wenn man im Grundschulalter ein Musikinstrument lernt. Im Gehirn funktionieren dann die Synapsen besser. Und es ist auch bewiesen, dass man in Mathematik besser steht, wenn man ein Musikinstrument lernt. Leider hat die Politik die Studie von Professor Bastian in der Schublade liegen lassen. Es sei kein Geld da, heißt es dann. Aber ich glaube, die wollen für so etwas kein Geld ausgeben.

Hat die Musik in Berlin eine zu schwache Lobby?

Merz: Sehen Sie, alle reden davon, dass es für unser Land wichtig ist, dass wir den Kindern eine gute Ausbildung zukommen lassen. Und was passiert? Die musischen Fächer werden zusammengestrichen, damit die Kinder G8 schaffen. Ich habe die große Hoffnung, dass da demnächst etwas passiert, dass man den Kindern selbst überlässt, ob sie das Abitur in acht oder neun Jahren schaffen.

Sollte also der Staat Ihrer Meinung nach für die musikalische Erziehung sorgen?

Merz: Nein, ich bin kein Verfechter des Gießkannenprinzips. Ich denke, dass auch vom Elternhaus etwas kommen muss. Das Bildungspaket zum Beispiel finde ich gut. Da werden auch bei uns einige abgerufen. Wenn aber von zu Hause aus gar nichts kommt, dann nutzt auch dieses Gießkannenprinzip nichts. Generell gibt es viele Familien, in denen die Prioritäten auf anderen Dingen liegen. Vielen ist das Auto wichtig, der Urlaub. Aber auch solche Kinder können bei uns viel lernen, sich beispielsweise in den Ensembles engagieren.

Hat sich denn da etwas im Vergleich zu früher geändert?

Merz: Auf jeden Fall. Wenn meine Mutter nicht so dahinter gewesen wäre, dass ich regelmäßig übe, dann wäre das wohl nichts geworden. Auch mein Vater, der einen Handwerksbetrieb hatte, hörte mir gerne beim Üben zu. Mein Klavier stand damals in dem Büro, in dem er sonntags seinen Papierkram erledigte. Manchmal hatte ich aber den Eindruck, der arbeitet gar nicht, der hört mir nur beim Spielen zu (lacht).

Können Eltern denn auch einen Fehler machen?

Merz: Der größte Fehler ist in meinen Augen, wenn die Eltern aufgeben, weil das Kind nicht von alleine ans Instrument geht, nicht von ganz alleine mit dem Üben weitermacht. Dabei ist es völlig normal, dass Kinder mal einen Hänger haben. Den hatte ich auch. Ich empfehle den Eltern, die Kinder mit ihrem Instrument an der langen Leine zu lassen, aber hinterher zu gehen. Manchmal muss man auch gewisse Kniffe anwenden, um die Kinder bei der Stange zu halten. Ein Lehrerwechsel kann zum Beispiel helfen, wenn ein Schüler mit seinem jetzigen nicht zurechtkommt. Wichtig ist nur: Das Kind steht im Mittelpunkt. Und wenn die Kinder mit Wonne bei der Sache sind, dann darf sich auch kein Lehrer ärgern, wenn das bei seinem Kollegen besser klappt.

Warum liegt Ihnen, als Musiker und als Lehrer, die Musik so am Herzen?

Merz: Es trägt zur Persönlichkeitsbildung bei, und Musik kann helfen, dass Kinder ausgeglichen werden. Optimal ist es in meinen Augen, wenn Kinder ein Instrument lernen und auch einen Sport machen. Wenn meine Schüler wegen ihres Sports mal fünf Minuten weniger ans Instrument kommen, dann werden sie in mir keinen schimpfenden Lehrer erleben. Im Gegenteil: Denn der Sport ist für den Körper gut, und das Instrument ist für den Geist gut. Beides ist für die Entwicklung unglaublich wichtig.

Gibt es typische Einsteigerinstrumente?

Merz: Das ist ganz unterschiedlich und hängt auch zum Teil vom Elternhaus ab. Wenn mein Vater ein Instrument spielt, dann bin ich vielleicht motiviert, ihn darin zu überflügeln. Es gibt auch Prominente, die einen Einfluss auf die Instrumentenwahl haben. Als David Garrett Bekanntheit erlangte, wollten viele ein Streichinstrument lernen. Mir gefällt, die Breitenstreuung, die er mit seiner Art erreicht – ganz ähnlich wie die „Drei Tenöre“ oder André Rieu. Diese Musik muss sich ja nicht unbedingt jeder anhören, aber es ist klasse, wie vielen Menschen auf diese Weise klassische Musik nähergebracht werden.

Es hat natürlich nicht jeder junge Musiker das Talent eines David Garrett..

Merz: Ich sage immer zu meinen Schülern, dass auch ein David Garrett nur so berühmt geworden ist, weil er viel geübt hat. Talent hat in meinen Augen etwas mit Anlagen zu tun. Die müssen ausgebaut werden, von alleine passiert da nichts. Das merkt aber auch ein Lehrer, ob ein Schüler Talent hat.

Sind Sie nervös vor dem Auftritt?

Merz: Nein, kein bisschen. Es macht mir eine riesige Freude, mit meinen Musikern auf der Bühne zu stehen.

Warum sollte sich jemand das Benefizkonzert besuchen, auch wenn er gar nichts mit der Musikschule zu tun hat?

Merz: Unsere Konzerte werden für die Öffentlichkeit veranstaltet. Jeder ist herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei. Man kann mit einer freiwilligen Spende, egal wie groß, den Förderverein „ Musica Stolberg“, für den das Benefizkonzert veranstaltet wird, unterstützen. Die Benefizkonzerte sind immer für den guten Zweck. Und wenn man sich an diesem Adventsonntag etwas Gutes tun möchte, dann hat man mit unserem Konzert, das ja schon traditionell ist, richtig gewählt. Man erlebt wunderschöne Musik in allen Facetten. Bisher war es immer so, dass die Menschen strahlend auf uns zu kamen und brachten ihre Begeisterung zum Ausdruck. Und sehr viele sagten bewegt, dass sie so etwas Schönes noch nie erlebt hätten. Das macht einen glücklich und stolz, und das macht 30 Jahre Musikschule Merz aus.

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