Wenn ein Marathon wie ein Spaziergang erscheint

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Jennifer Dittrich und ihr Mann Peter kurz vor dem Start im belgischen Olne: Es gilt 69 Kilometer und mehr als 2000 Höhenmeter querfeldein zu überwinden. Foto: Privat/D. Kinkel-Schlachter
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„Beweisstück“ nach einem tapfer gelaufenen Rennen: Schuhe und Startnummer von Jennifer Dittrich.

Stolberg. Einen Marathon laufen, die magischen 42.195 Kilometer knacken – für viele Hobbyläufer ist das ein Traum. Wer nicht läuft, kann einfach nicht mitreden: „Wofür hat der Mensch das Rad erfunden“, heißt es. Und auch viele Läufer können es sich einfach nicht vorstellen, diese Distanz laufend zu packen.

Jennifer Dittrich kann es. Und sie ist die 42.1945 Kilometer gelaufen. Dieses Jahr zum ersten Mal. Und ausgerechnet der Monschau Marathon – einer der härtesten hierzulande – sollte es sein. Kaum war Monschau abgehakt, hatte die 36-Jährige die Kilometer in den Augen stehen und ging kurze Zeit später beim Rursee-Marathon an den Start.

Und um das noch zu toppen, mussten schnell noch mehr Kilometer her. „Schon seit einigen Wochen sprach mein Mann vom ‚sagenumwobenen‘ Trailultra Olne-Spa-Olne in Belgien. 69 Kilometer, mehr als 2000 Höhenmeter und schmale Trails voller Schlamm und Matsch, genau, wie wir es mögen“, sagt die dreifache Mutter. Regeneration nach zwei Marathons? Pustekuchen, die Belgier riefen, Jennifer und Peter Dittrich kamen.

Um den Gefrierpunkt

Rückblick: Morgens um 7 Uhr Ankunft im stockdunklen, nebligen Nest Olne, Temperaturen um den Gefrierpunkt. Jennifer isst ein paar selbst gebackene Zimtschnecken und spült sie mit Isodrink herunter. Zum jetzigen Zeitpunkt ist ihr noch nicht bewusst, wie sehr ihr die mitgebrachten Müsliriegel und Gels für Sportler später zum Hals heraushängen werden. Rund 400 Starter, nur eine gute Handvoll Frauen, und viele tragen Teleskopstöcke. „Auweia, habe ich in dem Moment gedacht“, blickt sie zurück.

Die Erkenntnis ihres Irrsinns kommt jedoch zu spät, der Startschuss fällt. Die ersten zehn Kilometer haben es schon in sich, es gilt viele Höhenmeter und schlammige Passagen zu überwinden. Schuhe und Socken saugen sich voll, die Füße sind nass, „das spielt übrigens nach 50 Kilometern überhaupt keine Rolle mehr“.

Die Teilnehmer laufen ein Stück weit den Kreuzweg und durch den Wallfahrtsort Banneux, vorbei an Kapellen und Kreuzen. „Was möchte man mir wohl damit sagen“, denkt sich Jennifer Dittrich. Nach 20 Kilometern etwa telefoniert sie mit ihrem Mann. Er macht ihr deutlich, dass sie bei dem bisherigen Höhenprofil und den Streckenverhältnissen mit Sicherheit Stunden in der Dunkelheit verbringen würde.

Nach Peters Rat, besser nach 40 Kilometern auszusteigen, steigt die Unsicherheit und kreisen die Gedanken. Jenny kommt von der Strecke ab und läuft kreuz und quer durch den Wald – Panik steigt auf. Glücklicherweise weist ein erfahrener Läufer, der gerade sein Geschäft erledigt hat, der Verirrten wieder den rechten Weg. Beim nächsten Verpflegungsstand steht Jenny aufgrund sprachlicher Probleme – sie spricht kein Französisch – plötzlich mit einem Glas Rotwein in der Hand da.

Es geht weiter auf schlammigen Trampelpfaden mit metertiefen Abhängen und Kletterpassagen. Zwischendurch muss die gelernte Krankenschwester mutig runterspringen oder auf dem Allerwertesten rutschen. Durch Matsch, über Geröll und dann noch einige Hundert Meter durch einen Bachlauf. „Dass vor mir bereits 350 Nilpferde durch die Wildnis gerannt sind, macht die Strecke nicht unbedingt besser!“

Aber hier ist Jennifer in ihrem Element, singend hüpft sie von einem Bein aufs andere durch den Pratsch, fühlt sich wie ein Reh, genießt die Aussicht, die Einsamkeit und ist eins mit sich und der Natur. Nach Ankunft in Spa – fernab von Rennautos und Motorenlärm – geht es wieder zurück nach Olne, Kilometer 42 naht. Weiter haben Jennys Füße sie noch nicht getragen, und der Körper gibt ihr das auch deutlich zu verstehen. „Verdammt, wo ist jetzt der Rotwein?!“ Stattdessen gibt’s ekliges, süßes Läuferfutter in Form von Riegeln und Gels.

Mittlerweile grübelt sie über Rezepte für die Produktion von Riegeln mit Currywurst-Geschmack. Und wenn sie es irgendwie nach Hause schafft, wird sie den großen Herstellern schreiben. Bei Kilometer 49 telefoniert Jennifer erneut mit Peter und macht ihm deutlich, „dass mir die Dunkelheit egal ist und ich nicht so weit gekommen bin, um jetzt nicht auch ins Ziel zu laufen“. Klare Worte . . .

Die Laufuhr zeigt 56 Kilometer an, Jennys linker Fuß ist blutig, kurzer Stop, Sockenwechsel. Jetzt packt sie auch Stirn- und Taschenlampe aus, der Weg geht weiter durch die Dunkelheit. Auf einem engen Stück zieht sie ein Mitläufer mit seinem Teleskopstock vom Abgrund weg, „ach, dafür sind die Dinger! Immer wieder taucht nun die Frage auf, ob ich noch ganz dicht bin – aber Aufgeben ist so gar nicht mein Ding“, sagt Jennifer.

Kilometer 61: Zwei Belgier im Mexikaner-Kostüm oder umgekehrt erwarten Jenny mit Chips, Keksen und gekühltem, warmem Tee oder umgekehrt. Die Gedanken sind völlig konfus und es flimmert vor den Augen. Fast am Ende der Strecke und der eigenen Psyche fängt Jennifer Dittrich zu ihrer eigenen Verwunderung noch einmal an zu laufen.

Kilometer 68: „Ich höre laute Siegermusik und in der Ferne ist Beleuchtung – ich weine aus tiefstem Herzen!“ Anspannung und Konzentration lösen sich, die Krämpfe auch. Sie rennt jetzt dem Ziel entgegen und wundert sich gleichzeitig, wozu Menschen doch fähig sind. Unter tosendem Beifall läuft sie ins Ziel. „Alle Leute fallen mir um den Hals, gratulieren, bedauern mich und freuen sich mit mir“, erinnert sie sich, als ob es gerade erst vorbei wäre.

Zehn Stunden und knapp 30 Minuten hat sie für diesen ultraharten Lauf gebraucht, „wen interessiert’s, ich bin um eine große Erfahrung reicher und komme wieder – sobald man Riegel und Gel mit Currywurstgeschmack erfunden hat“, sagt sie lachend.

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