Wenn der Umgang mit Armut Alltag ist

Von: Sarah-Lena Gombert
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Ein Spaziergang durch die Stolberger Talachse: Von den großen Industriebetrieben an der Zweifaller Straße ... Foto: S. Gombert
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... vorbei am Sozialkaufhaus Wabe ... Foto: S. Gombert
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... bis zum neuen Ladenlokal der Stolberger Tafel an der Eschweilerstraße sind es gerade einmal 2,4 Kilometer. Foto: S. Gombert

Stolberg. Etwa 15 Minuten dauert es, um die 1,2 Kilometer von der Zweifaller Straße/Ecke Finkensiefstraße bis zum Kaiserplatz in der Stolberger Innenstadt zu laufen. Von dort, wo die großen, altehrwürdigen Stolberger Industriebetriebe angesiedelt sind, bis zum Zentrum der Stadt, wo sich seit wenigen Monaten der Sitz des Stolberger Jobcenters befindet.

Weitere 1,2 Kilometer und 15 Minuten Gehzeit sind es von dort aus bis zur Eschweiler Straße, wo die Stolberger Tafel ihre Kunden mit Lebensmitteln versorgt. Eine halbe Stunde Gehzeit, um nachzuvollziehen, wie das Schicksal vielen der Langzeitarbeitslosen in Stolberg mitgespielt hat. Eine halbe Stunde Gehzeit, um nachzuvollziehen, wie dicht und gut funktionierend mittlerweile aber auch das Netzwerk ist, das viele Beteiligte gesponnen haben, um diesen Langzeitarbeitslosen und anderen Bedürftigen in der Stadt zu helfen.

„Stolberg ist für unsere Arbeit wirklich ein sehr guter Standort“, sagt Alois Poquett im Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist Geschäftsführer der Wabe, einem Netzwerk der Diakonie in Aachen, das in Stolberg eine ganze Reihe von Funktionen erfüllt: In den beiden Filialen des Sozialkaufhauses der Wabe an der Ellermühlenstraße und der Rathausstraße finden Bedürftige Kleidung, Möbel und was sie sonst noch zum Leben brauchen. Erst vor wenigen Monaten ist das Kaufhaus um ein zweites Ladenlokal erweitert worden. Das Warenangebot und die Kundenzahl waren für das alte, kleine Lokal einfach zu groß geworden. Die Wabe kommt nach eigenen Angaben in ihrem Stolberger Kaufhaus auf einen Kundenstamm von 2500 bis 3000 Menschen. Das sind keine Schnäppchenjäger: Wer in der Wabe einkaufen will, der muss seine Bedürftigkeit nachweisen, um eine Kundenkarte zu bekommen. Das sind Leistungsempfänger, Rentner mit geringem Einkommen oder Studenten, die von zu Hause aus nicht viel Geld haben.

In der Wabe finden aber auch viele Langzeitarbeitslose, die auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt keine Stelle finden, über eine der staatlich geförderten Arbeitsmaßnahmen eine geregelte und sinnvolle Beschäftigung, beispielsweise in der Schreinerwerkstatt. Aktuell sind das etwa 100 Personen. In einem kleinen Bistro, das gerade hergerichtet wird, bekommen etwa 40 Personen täglich ein warmes Mittagessen für einen geringen Geldbetrag.

Wer eine Kundenkarte bei der Wabe hat, hat oft eine zweite, nämlich die der Stolberger Tafel. Auch dieser Verein, der nicht verkaufte Lebensmittel bei Supermärkten, Bäckereien und weiteren Geschäften einsammelt, um sie an Bedürftige zu verteilen, hat sich im vergangenen Jahr von etwa 170 Quadratmeter auf 325 Quadratmeter vergrößert. Dass das geklappt hat, ist dem enormen Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter zu verdanken – und der Netzwerkarbeit, die die Tafel-Vorsitzende Gisela Becker-Bonaventura und ihr Team leisten. „Die Stolberger Tafel ist in der Bevölkerung angekommen und akzeptiert. Man weiß, was wir leisten, und warum das wichtig ist“, hatte sie bei der Jahreshauptversammlung im April betont.

„Stolberg ist deshalb ein guter Standort, weil nicht nur die Zusammenarbeit mit der Tafel, sondern auch die mit dem Sozialdienst katholischer Männer und auch mit dem Stolberger Jobcenter sehr unproblematisch läuft“, erklärt Poquett. Das, so ist sich Poquett sicher, liegt auch daran, dass die Stadt nicht sonderlich groß ist. Dass sich vieles auf den zweieinhalb Kilometern der Innenstadtachse abspielt.

Es liege vielleicht aber auch daran, dass die Stolberger Langzeitarbeitslosen eine andere berufliche Biografie aufweisen könnten als in anderen Städten. Viele von ihnen hätten Helfertätigkeiten in den Industrie- und Gewerbebetrieben ausgeübt. Tätigkeiten, die es heute in dieser Form kaum noch gibt. „Auch wenn sie keine Chance mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt haben: Die Leute wollen arbeiten, die sind motiviert und auch fleißig“, betont Poquett. Darum sieht er die einzige Möglichkeit, Bewegung in die hohe Sockelarbeitslosigkeit zu bekommen in einem zweiten, staatlich geförderten sozialen Arbeitsmarkt.

Einen etwas anderen Blick auf die Situation in Stolberg hat Martin Peters. Der Erste Bevollmächtigte der örtlichen Industriegewerkschaft Metall kämpft darum, dass Alois Poquett in der Wabe und Gisela Becker-Bonaventura in der Tafel nicht noch mehr Kunden bekommen – oder dass sie sie im besten Fall wieder verlieren. „Unsere Gewerkschaft hat eine Umfrage unter den bei uns organisierten Beschäftigten gemacht“, erzählt er. Dabei sei herausgekommen, dass sich gerade in der Zeit des digitalen Wandels, in der wir uns befinden, die Menschen Sicherheit wünschen. „Außerdem haben wir festgestellt, dass der Erhalt ihrer Qualifikation den Menschen oft ein besonderes Anliegen ist“, sagt Peters. Und nicht nur das: Allein die Zahl der Teilnehmer bei der Befragung habe gezeigt, dass die Rolle der Gewerkschaften wieder wichtiger werde. Waren es bei der letzten bundesweiten Befragung etwa eine halbe Million Teilnehmer, so haben sich in dieser Runde rund 680.000 Menschen beteiligt.

Woher kommt Kaufkraftarmut?

Peters erklärt, dass neben der Arbeitslosenzahl auch die sogenannte Kaufkraftarmut in der Städteregion eine signifikante Kennzahl darstellt. Kurz gesagt: Die Menschen verdienen nicht genug, um einzukaufen, und den Umsatz des Einzelhandels in die Höhe zu treiben. „Kaufkraftarmut taucht immer dort verstärkt auf, wo die Tarifbindung der Unternehmen zurückgeht“, sagt Peters.

Dass die Situation schwierig ist und Handlungsbedarf besteht, das hat auch die Stolberger Stadtverwaltung längst erkannt. Bürgermeister Tim Grüttemeier hat sich das Thema Wirtschaftsförderung auf die Fahne geschrieben – auch mit dem Ziel, dass wieder mehr Arbeitsplätze in die Stadt kommen.

Die Kommune ist Vorreiterin in der Städteregion und darüber hinaus, wenn es um das Erstellen eines Sozialberichts geht oder um eine Sozialraumplanung, mit der die Armut in Stolberg sowohl bekämpft als auch verhindert werden soll. Das Mammutprojekt „Soziale Kupferstadt 2030“, für das vor allem Sozialraumplaner Leo Jansen und Inklusionsbeauftragter Lukas Franzen verantwortlich zeichnen, hat landesweit Beachtung gefunden und gilt als beispielhaft für andere Kommunen. Oberstolberg, Unterstolberg und Münsterbusch sollen in den kommenden Jahren als Sozialraum besonders unter die Lupe genommen und gefördert werden, um der Armut Einhalt zu gebieten.

Und noch mehr: Für das kommende Jahr wird erstmals eine solidarische Staffelung des Elternbeitrags für den offenen Ganztagsbetrieb an Grundschulen eingeführt. Im Zuge der Vorbereitungen dieser Staffelung hat die Stadt errechnet, dass 40 Prozent der Familien mit Kindern im Kindergartenalter, die eine städtische Kindertagesstätte besuchen, mit weniger als 16.000 Euro Jahresbruttoeinkommen zurecht kommen müssen. In solchen Familien ist der Elternbeitrag für den Ganztagsbetrieb an der Schule nur eines von vielen finanziellen Problemen.

Der Gewerkschafts-Vertreter Martin Peters befürwortet auch den Gedanken eines sozialen Arbeitsmarktes, der staatlich gefördert ist. „Ich glaube aber trotzdem nicht, dass die Langzeitarbeitslosen grundsätzlich keine Chance mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt haben“, betont er deutlich, „es ist eben eine Frage von Qualifikation und Zeit“.

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