Wenn das Geld selbst nicht für das Essen reicht

Von: Lukas Franzen
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Zwei völlig unterschiedliche Biografien, ein gemeinsames Schicksal: Altersarmut. Erika Duwensee (l.) und ein ehemaliger Stolberger Unternehmer, der anonym bleiben möchte, sind auf staatliche Unterstützung und Vereine wie die Stolberger Tafel angewiesen. Foto: Franzen, R. Hohl / Grafiken: H.-G. Classen
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Paul Schäfermeier weiß, wie viele Anfragen das Senioren-Infocenter erreichen – viele wegen Altersarmut.

Stolberg. Wenn der 85-Jährige, der namentlich nicht genannt werden möchte, seine feuchten Augen trocknet, legt er Wert darauf, dass die Tränen einer Krankheit geschuldet sind und nicht seiner Situation. In den 80er Jahren war er Unternehmer, er besaß drei Häuser und hatte sich in Stolberg, wie er sagt, „einen Namen gemacht“.

Die Firma, die finanzielle Sicherheit, die gesellschaftliche Stellung: All das hat er verloren. Seine Frau und er zählen zu den 12,5 Millionen Deutschen, die laut Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands als arm gelten.

Er war Mitte 50, als seine Firma Insolvenz anmelden musste, hatte „keine Energie mehr“ für den Neustart, wurde depressiv. Mittlerweile habe er sich von dem Schicksalschlag erholt, sagt er. Seine Frau leide aber bis heute unter dem gesellschaftlichen Abstieg. Unter dem Phänomen Altersarmut, von dem über eine halbe Million Senioren in Deutschland betroffen sind. Vom Staat erhält das Ehepaar Wohngeld und ein wenig Rente – er: unter 900 Euro; sie: noch weniger. Die Kosten für das Auto übernimmt ihr Sohn, das Essen kommt von der Tafel. Zwei Drittel seiner Rente gehen für die Wohnung drauf. „Eine schöne Wohnung“, sagt er. „Aber eigentlich zu teuer.“

Ein Hund, ein Auto, eine schöne Wohnung: Der einzige „Luxus“, den sich das Ehepaar noch gönnt. Urlaub, ausgehen, Hobbys: dafür reiche das Geld nicht aus. „Meine Frau hätte für ihr Leben gerne noch einmal Urlaub in der Türkei gemacht, aber aus der Traum“, sagt der Rentner, für den Altersarmut nicht nur eine materielle Dimension hat. Denn das Ehepaar ist auch arm an sozialen Kontakten.

Angst vor dem Stigma

„Meine Freundschaften habe ich abgebrochen“, sagt der 85-Jährige – aus Scham und aus Angst vor Stigmatisierung. „Bei Stammtischen gibt jeder mal eine Runde. Aber ein Abend, der mich 15 Euro kostet, ist schon zu viel.“ Und der Gang zur Stolberger Tafel? Davor schäme er sich noch heute – und damit seit sechs Jahren.

Erika Duwensee ist 21 Jahre jünger als der Ex-Unternehmer. Wohlhabend war sie nie. Sie führte kein Unternehmen, sondern hielt sich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser: elf Jahre Caritas, zehn Jahre Schichtarbeit in Aachen. „Irgendwann ging es nicht mehr“, sagt sie. Denn die 64-jährige Sozialhilfeempfängerin ist auf Medikamente angewiesen, leidet unter Angstzuständen, Menschenmengen versetzen sie in Panik. Wie hoch ihre Rente ausfallen wird, weiß Duwensee erst, wenn sie mit 65 das Rentenalter erreicht hat. Illusionen macht sie sich nicht: „Wenn es 400 Euro sind, ist es viel.“

Wie der Ex-Unternehmer ist sie deshalb auf die Tafel angewiesen. Ihre Kleidung kauft sie für kleines Geld im Sozialkaufhaus. „Anfangs habe ich gewartet, bis es dunkel ist, bevor ich mit meinen Tafel-Einkäufen nach Hause gegangen bin. Mich sollte niemand erkennen“, erzählt Duwensee. Inzwischen ist das anders. Und obwohl sie selbst auf Spenden angewiesen ist, backte Duwensee sogar Kekse, um sie an Freunde zu verkaufen und die Einnahmen der Stolberger Tafel zu spenden. „Mit dem, was ich habe, bin ich zufrieden“, sagt sie. Ihr einziger Wunsch: „Gesundheit“. Denn durch Krankheit zu vereinsamen, sei viel schlimmer, als wenig zu besitzen.

Duwensee – alleinstehend, weiblich, langzeitarbeitslos – auf der einen Seite; ein ehemaliger Unternehmer, der zu wenig Rücklagen für das Alter bildete und plötzlich scheiterte, auf der anderen Seite: Paul Schäfermeier, Leiter des Stolberger Sozialamts, weiß aus Erfahrung, dass es sich bei diesen Biografien um die „Klassiker“ der Altersarmut handelt. Menschen wie Erika Duwensee seien mit Abstand am häufigsten betroffen. „Armut ist weiblich“, sagt Schäfermeier, der seit Dezember 2008 Seniorenbeauftragter der Stadt Stolberg ist, mit Verweis auf den großen Anteil weiblicher Bezieher von Grundsicherung im Alter (siehe Grafik). Die „Dunkelziffer“ der Altersarmut sei jedoch noch wesentlich höher, da Menschen, die mit ihren Renten nur hauchdünn über der Grundsicherung lägen, nicht in den Statistiken auftauchten.

Anlaufstelle für ältere Menschen ist das Senioren-Infocenter im Stolberger Rathaus. „Die wenigsten Leute kommen und sagen, sie sind arm“, so Schäfermeier. Und doch kreisten viele Anfragen um dieses Thema. Er räumt ein: Die Altersarmut in Stolberg werde er nicht alleine beseitigen können. Und dennoch sei es falsch, sie als ein unüberwindbares Phänomen darzustellen. „Altersarmut ist hausgemacht. Sie ist das Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Wurzel des Übels sind die niedrigen Renten.“

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