Stolberg - Weltkriegs-Tagebuch: Weihnachtspäckchen in Form von Bomben

Weltkriegs-Tagebuch: Weihnachtspäckchen in Form von Bomben

Von: Christian Altena
Letzte Aktualisierung:
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Ein Bild aus dem Stadtteil Münsterbusch nach dem Krieg. Die Häuser sind zerstört und ausgebrannt. Foto: Stadtarchiv
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Eine Kreuzung in Büsbach vor dem Krieg. Foto: Stadtarchiv

Stolberg. Ma und Pa sind Rentner und wohnen in Büsbach, irgendwo am Oberstein. Ihre Kinder sind seit Monaten nicht zuhause. Der Älteste ist schon seit Jahren weg, beim Militär – Kriegseinsatz. Nicht in Afghanistan, sondern irgendwo in Europa. Er ist als Wehrmachtssoldat dabei, als Hitlers Krieg nach langen Jahren des Tobens durch Europa langsam, aber stetig zurück zu seinem Ausgangspunkt schleicht, immerzu gen Deutschland.

Ma und Pa haben das schlimmste schon hinter sich und beten jeden Tag für ihre Kinder.„Gottesmutter, segne und schütze unsere Lieben und führe sie uns gesund heim.“ So oder so ähnlich schreibt es Ma mit jedem Eintrag in ihr Tagebuch. Im September waren die Amerikaner gekommen und lange, schlimme acht Wochen später war Büsbach und ganz Stolberg nicht mehr Frontgebiet. Aber vorbei ist der Horror noch lange nicht.

Ausgehverbot für die Stolberger

„Ach, ein Jammer, die meisten Häuser Schutthaufen oder Dächer entzwei, ausgebrannt (…) Die meisten Häuser sind unbewohnbar,“ schreibt Ma am 12. Dezember. „Die Wege waren gesperrt wegen Minengefahr (…) Im Gestrüpp liegt noch ein Toter (…), noch zwei in Atzenach nur mit etwas Dreck zugedeckt.“

An Advent ist fast nicht zu denken, die Jagd nach Essbarem steht im Vordergrund und die Angst vor der Räumung, die täglich angeordnet werden könnte. „Flieger Tag und Nacht“, Hauptstraßen dürfen nicht genutzt werden, am 17. Dezember dann komplettes „Ausgehverbot“. Die US-Amerikaner brauchten freie Straßen für ihren Truppentransport tiefer ins Rheinland.

„Die vergangene Nacht war wohl eine der schlimmsten des ganzen Krieges. (…) Dauernd deutsche Fliegerangriffe, (…) Bomben wieder um uns herum. Die Abwehr war sehr heftig und für uns beängstigend“. Ma hat sich in militärischen Dingen offenbar einen ebenso militärischen Tonfall angeeignet: sachlich, knapp, abgeklärt. „Überall sind gute und liebe Menschen“ betont sie und meint damit nicht zuletzt die vielen, vielen GIs, von denen sie permanent umgeben sind, schließlich sind diese überall im Dorf einquartiert. Viele Häuser bleiben beschlagnahmt.

„So hatte sich schon mancher gefreut, zu Christmas daheim zu sein“, doch die Amerikaner blieben noch. Englisch hatte sich nun auch in Mas Wortschatz eingeschlichen. Die Front liegt längst weiter östlich, doch Bomben, Granaten, Flugzeugangriffe und Donnerhall sind an der Tagesordnung und lassen statt Weihnachtsfreude nur Angst aufkommen. „Arme Soldaten, hüben wie drüben; alle haben sie ihre Angehörigen, die sich um sie sorgen. Das Weihnachtsfest naht, doch ich wünschte, es wäre vorbei.“

Am 20. Dezember ist der Krieg mit den meisten Soldaten weitergezogen und die Menschen suchen nach brauchbaren Hinterlassenschaften, die recht üppig ausfallen. Die beiden Nachbarsjungen erhielten je ein Fahrrad geschenkt, ein wahrhaftes frühes Weihnachtsgeschenk! Die Hoffnung auf ein Ende schürt Gerüchte, „man erzählt, Hitler wolle mit Stalin verhandeln und an der russischen Front wäre Waffenstillstand“, ja am Heiligabend schreibt Ma: „Man erzählte, Göring habe Hitler eingesperrt und der Wehrmacht (…) im Westen die Führung übergeben (…). Märchen!“

In Angst und Sorge um das eigene Überleben und den Verbleib der Kinder, Freunde und Verwandte fahren die Gefühle Achterbahn, Freude kommt so unerwartet wie Trauer und Schmerz. Die Realität an der Front am 24. 12.? „Nun, am Abend surren die amerikanischen Flieger wieder über uns hinweg. Wem mögen die Weihnachtspäckchen in Form von Bomben zugedacht sein? Arme Menschen.“

Viele Städte werden noch in Schutt und Asche versinken. „Nur Hass und Mord unter den Menschen“, schreibt ihre Feder weiter, „Leid und Unruhe und viele Tränen sind die Weihnachtsgaben“. Nun, Weihnachten ist da, das „Fest des Friedens und der Freude – und heute, Unfriede, Not und Leid. Wieviele Tränen sind wohl geflossen in diesen Tagen?“ Doch der Mensch bleibt Mensch, und so auch Ma und Pa und alle anderen Zurückgebliebenen, die ein würdiges Fest feiern. „Es war wirklich schön.

er Kirchenchor sang das Hochamt, Sängerinnen und Flötensolo mit herrlicher Musik“. Die Schilderung endet im Militärjargon, gelernt in vielen Radiomeldungen: „Kampftätigkeit mittelmäßig.“

Der zweite Weihnachtstag bot Gelegenheit für einen kleinen Festimbiss mit Pas ehemaligem Arbeitskollegen. Ma „bewirtete ihn mit Kaffee (echten), Kuchen und Speckbutterbrote“. Jede einzelne Zutat war da schon lange eine Besonderheit. Aber größere Weihnachtswunder blieben aus.

Keine Nachricht des Sohnes, der Freunde oder Verwandten. Täglich Artilleriebeschuss, viele Bomberverbände und Kampfflieger, schlimme Nachrichten von der Front und der deutschen Ardennenoffensive, ein letztes Aufbäumen Hitlers gegen den kommenden Untergang. „Ein Mann behauptete, in zehn Tagen sollen wir Frieden haben.“

Resignation und Pragmatismus

Wenige Tage nach Weihnachten, einem nun unbedeutenden Relikt von Menschlichkeit, herrscht wieder Resignation und Pragmatismus, wie sie alle Menschen an allen Orten, zu allen Zeiten während der Geißel Krieg hegen: „Gestohlen wird an allen Ecken, sogar von Leuten, die jeden Tag zum Tisch des Herrn gehen und jeden Abend den Rosenkranz beten. (…) Ein Beweis dafür, was der Krieg aus gewissen Menschen gemacht hat: Idioten. (…) Zwischen Mein und Dein ist kein Unterschied mehr“. Um das Letzte zu hüten, macht man es wie schon vor fünftausend Jahren, „auch gräbt und mauert man wieder ein für den Fall einer Flucht“. Die zwei Pole der Angst: Tod oder Flucht.

Diese Böller zu Silvester kennt jeder zu gut. „Ein deutsches Flugzeug warf Bomben ab, (…) die schweren Geschütze hört man wieder.“ Ma wird nicht müde, um Gnade zu bitten und wünscht zu Neujahr 1945 „Möge es ein Friedens- und Segensjahr für alle werden“, während Hitler und Göbbels im ‚Volksempfänger‘ zu hören sind: „Heim ins Reich sollen wir“, zitiert Ma. Sie vertraut auf die Muttergottes, nicht die Herren in braunen Röcken. „Krieg, wieviel Elend und Tränen kostet dieses Wort“, resümiert die Büsbacher Autorin.

Sie hat uns ein beeindruckendes Tagebuch hinterlassen, das in ehrlicher und erschütternder Subjektivität die Zeit beschreibt, als Stolberger Bürger dem Schrecken des Kriegs, Flucht, Tod und Verzweiflung ausgesetzt waren. Verwahrt wird eine Abschrift im Stadtarchiv der Kupferstadt. Namen und Orte werden darin klar genannt, doch hier soll die Geschichte erzählt sein, die überall und zu allen Zeiten die gleiche Substanz hat, während sich nur die Äußerlichkeiten ändern. Etwa vier Monate nach diesem Weihnachtsfest sollte der Krieg vorüber sein und Ma und Pa haben ihn überlebt. Mehr soll hier nicht erzählt werden, freuen wir uns lieber über ein friedliches und glückliches Weihnachtsfest.

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