Stolberg - „Waldi” ist der größte Feind der Straßenlaterne

„Waldi” ist der größte Feind der Straßenlaterne

Von: Heike Eisenmenger
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Prüftechniker Andreas Brückner muss im Vorfeld des „Straßenlaternenrütteln” den Computer mit vielen Informationen füttern, um eine auf Umgebung und Material maßgeschneiderte Simulation zu schaffen.

Stolberg. Es herrscht Windstärke 10, die Straßenlaterne am Amselweg in Höhe des Hauses Nummer 22 wird kräftig durchgerüttelt. Der Sturm ist so stark, dass er Bäume entwurzelt und Gartenmöbel wie Spielzeug vor sich her wirbelt. Die Straßenlaterne jedoch hält den Elementen Stand.

Tatsächlich weht nur ein laues Lüftchen an diesem Mittwoch über Stolberg hinweg. Die Kraft, mit der ein Sturm auf den Lichtmast einwirken würde, simuliert der Greifarm eines Mini-Baggers, der die Straßenlaterne kräftig rüttelt. Ein Vorgang, der für das Auge jedoch kaum sichtbar ist.

In jedem Jahr schickt die Energie- und Wasserversorgung (EWV) rund 1000 ihrer insgesamt 17000 Straßenlaternen in Stolberg, Alsdorf und Weisweiler auf den Prüfstand. Die Lichtmasten auf ihre Standfestigkeit zu untersuchen, diese Aufgabe übernehmen die beiden Prüftechniker Christian und Andreas Brückner von der Firma Roch aus Lübeck, die mit Minibagger und hochmoderner Software anrückt. Die Straßen, die auf eventuelle Materialermüdung kontrolliert werden soll, wurden zuvor von der EWV ausgespäht. Die Überprüfung sei eine freiwillige Sache, „wir wollen einfach die Sicherheit haben, dass unsere Straßenlaternen auch hohen Windstärken trotzen”, stellt EWV-Pressesprecherin Michaela Humphries klar.

Es seien in der Regel ältere Straßenlaternen, die auf ihre Standfestigkeit hin überprüft würden, erläutert Christian Brückner. Die Bezeichnung „Laternenrütteln” mag der Prüftechniker allerdings nicht so gern hören.

Wohl aus dem Grund, weil das Wort „Laternenrütteln” nicht durchklingen lässt, wie viel Wissenschaft in diesem Verfahren steckt. Ohne Mathematik, Physik und einem leistungsfähigen Computerprogramm geht hier gar nichts.

„Das Verfahren, das die Firma Roch anwendet, ist in Europa einzigartig”, bemerkt Michaela Humphries mit Blick auf Christian Brückner, der einen Sensor an den Fuß des Lichtmastes anbringt. Jede einzelne Straßenlaternen-Überprüfung ist individuell auf den jeweiligen Lichtmast und seine Umgebung eingestellt, so dass ein sehr genaues Bild über den Ist-Zustand der Konstruktion erstellt werden kann.

Während der Belastungsprobe rüttelt der hydraulische Greifarm an der Straßenlaterne und baut einen Druck auf, der vergleichbar mit den Kräften ist, die bei Windstärke 10 auf den Mast einwirken würden. Während des Tests übermittelt der Sensor unentwegt Daten an den Computer. „Das, was hier gerade gemacht wird, könnte man auch als Mast-EKG bezeichnen”, formuliert es EWV-Pressesprecherin Michaela Humphries scherzhaft mit Blick auf das Diagramm auf dem Bildschirm des Laptops. Zu sehen ist ein Belastungsdiagramm, das detailliert Auskunft über Materialermüdung gibt. „Mit diesem Verfahrens schauen wir quasi in den Mast hinein”, sagt Michaela Humphries.

Im Vorfeld des Testes muss Prüftechniker Andreas Brückner jedoch das Computerprogramm mit zahlreichen Informationen füttern. Die gründliche Vorarbeit ist elementar, vor allem im Hinblick darauf, eine aussagekräftige Statistik zu erstellen. „Die Statistik gibt Auskunft darüber, welche Faktoren und äußeren Einflüsse die Masthaltbarkeit positiv oder negativ beeinflussen”, sagt Christian Brückner.

Wie lang ein Mast hält, ist auch von seiner Form, der Beschaffenheit der Lampe, Material(Dicke), Oberfläche, der Witterung und dem Standort abhängig. Eben jene Daten, die Christian Brückner so penibel in den Computer eintippt. „Steht der Lichtmast etwa auf einer stark befahrenen Brücke, wird das Material durch die Vibrationen stärker beansprucht”, erkläutert Christian Brückner. Auch wenn ein Verkehrsschild am Mast angebracht ist, habe dies Auswirkungen: Durch das Schild erhöhe sich der Luftwiderstand, was zur Folge habe, dass das Material mehr belastet werde.

Doch ein wesentlich größeres Problem stellen für die Masten unsere vierbeinigen Lieblinge, sprich „Waldi” und Co., dar. „Für eine Straßenlaterne gibt es nichts Schlimmeres, als dass ein Hund sein Beinchen hebt. Der Urin hat die gleiche Wirkung wie Säure, zerfrisst den Stahl”, schildert Andreas Brückner seine Erfahrung.

Längst sei man auch von der Idee abgekommen, Lichtmasten aus Kunststoff zu fertigen. „Kunststoff wird im Laufe der Zeit durch Temperaturschwankungen porös”, berichtet Andreas Brückner. Ideal als Material sei Stahl geeignet. Doch auch beim Stahl gebe es erhebliche Unterschiede.

„Wenn preiswerter, also minderwertiger Stahl verwendet wurde, sieht man das sehr deutlich am Diagramm. Er ist nicht so haltbar wie hochwertiger Stahl. Auch wie dick beziehungsweise wie dünn die Stahlwand ist, spielt eine Rolle”, erzählt Christian Brückner. „Der vermeintlliche preiswerte Kauf stellt sich unter dem Strich als der teurere heraus”, versichert der Prüftechniker.

Der äußere Eindruck täuscht nicht selten: „Manchmal sind genau die Straßenlaternen, die nicht mehr so toll aussehen, die, die absolut in Ordnung sind und umgekehrt”, betont Christian Brückner. Wird bei der Überprüfung eine Materialermüdung festgestellt, sind die Tage der Straßenlaterne gezählt. „Reparieren kann man so etwas nicht, ein solcher Lichtmast muss komplett ausgetauscht werden.”

Im Schnitt fallen ein bis drei Prozent der geprüften Straßenlaternen durch den „Rütteltest”, müssen ausgetauscht werden. Damit auch in Zukunft niemanden in der Region eine Straßenlaterne auf den Kopf knallt und man auch im Dunkeln immer den Weg nach Hause findet.
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