Stolberg - Vortrag: Sterbenskranken den Schmerz gelindert

Vortrag: Sterbenskranken den Schmerz gelindert

Letzte Aktualisierung:
10230042.jpg
Professor Dr. Roland Fuchs (Dritter von links mit Tochter Lora) hat sich schon mehrfach mit dem Leben des Stolberger Arztes Dr. Kortum vor 250 Jahren befasst. Im Rahmen seines Vortrages wird er die Errungenschaften Kortums für die Medizin vorstellen.

Stolberg. Der Stolberger Mediziner Dr. Carl Theodor Kortum gilt als der erste Palliativmediziner Deutschlands. Bei Patienten, die unter qualvollen Schmerzen litten und dem Tod geweiht waren, setzte er Mohnsaft als Medizin ein. Die Tropfen linderten zumindest das Leid.

250 Jahre nach der Geburt des angesehenen Arztes im Jahre 1765 erinnert eine Feierstunde im Bethlehem-Krankenhaus an die Pionierleistungen Kortums. Am Samstag, 13. Juni, ab 16.30 Uhr wird in der Krankenhauskapelle das Leben des Mediziners vorgestellt. „Dr. Kortum - Leben und Werk“ ist der Vortrag von Professor Dr. med. Roland Fuchs überschrieben. Weitere Redebeiträge werden sich mit der Palliativmedizin und der Sterbehilfe allgemein befassen.

Dr. Kortum (1765-1847) entstammt einer angesehenen Apothekerfamilie in Dortmund. Dort hatte er erste Kontakte mit Krankheiten und deren Behandlung. Mit 17 Jahren nahm er das Medizinstudium in Göttingen auf, das er drei Jahre später mit einer Dissertation in lateinischer Sprache abschloss. Danach begann er sofort in Dortmund als Arzt zu praktizieren. 1791 erhielt er den Ruf der Kaufleute des damals wohlhabenden und blühenden Stolberg, sich hier als Medicus niederzulassen. 26-jährig nahm er das Angebot an und verblieb in der Kupferstadt bis zu seinem Tode.

Dr. Kortum lebte im Haus Steinweg 63, in dem sich heute das Lederwarengeschäft Giesen befindet. Im Erdgeschoss war die Praxis. Die Familie wohnte in der ersten Etage. Der Hauseingang und das Treppenhaus sind im Grunde noch so wie zu Kortums Zeiten. Das Haus war die Mitgift seiner zweiten Ehefrau, die der reichen Kupfermeisterfamilie Schleicher entstammte. Die Heirat erfolgte nur drei Monate nach dem Tod der an Kindbettfieber verstorbenen ersten Frau.

Dieses kurze Intervall war seinerzeit üblich, da Männer mit der Tagesarbeitszeit von 12 Stunden oder mehr und ohne Urlaub nicht in der Lage waren, sich um das Haus, die Wohnung und die Kinder zu kümmern. Ohne Frau waren die Männer nicht lebensfähig. Andererseits waren sie für die Familie die Ernährer. Aufgrund der unhygienischen Lebensverhältnisse, der schlechten Ernährung, des Mangels an sauberem Trinkwasser, der im Stolberger Tal herrschenden Luftverschmutzung sowie des mangelnden Arbeitsschutzes in den Kupferhöfen, der Bleiverhüttung sowie dem Bergbau gab es viele Krankheiten und Arbeitsunfälle.

Die häufigste Todesursache war die Tuberkulose, die in treffender Weise Schwindsucht hieß, gefolgt von Cholera, Typhus, Nerven- und Wechselfieber. Häufig waren zudem chronisch-entzündliche Erkrankungen der oberen Atemwege sowie die Bleivergiftung. Das Durchschnittsalter der Menschen war niedrig, die Kindersterblichkeit betrug bis zu 30 Prozent.

Bis etwa 1850 galt die 2000 Jahre alte, von dem griechisch-römischen Arzt Galen aufgestellte Lehrmeinung, dass Krankheiten die Folge einer gestörten Zusammensetzung der vier Lebenssäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle sind. Deshalb richteten sich alle Maßnahmen auf die Beseitigung der schadhaften Säfte.

Diesem Ziel dienten die uns heute unverständlichen, damals aber exzessiv und unkritisch eingesetzten Verfahren wie Aderlass, Klistierbehandlung, Einsatz von Brech- und Abführmitteln, Schröpfkopf- und Blutegelbehandlung. Nicht selten waren diese Maßnahmen für den Kranken schädlich, z.B. der Aderlass bei einem Patienten mit Blutarmut. Die wissenschaftliche Bewertung der Erkrankungen setzte erst mit dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein, als funktionsgestörte Körperzellen als Ursache der meisten Krankheiten erkannt wurden.

Er darf aus heutiger Sicht als ein Pionier der wissenschaftlich ausgerichteten Medizin angesehen werden. Er hat in seiner Stolberger Zeit sechs Monografien verfasst und mehr als 50 kleinere und größere Aufsätze in dem damals in Deutschland führenden „Journal der praktischen Heilkunde“ veröffentlicht. Er war der einzige Arzt in Stolberg und hat sich mit den Möglichkeiten seiner Zeit engagiert und einfühlsam um die kranken Menschen Stolbergs und der Umgebung gekümmert.

Da es damals noch kein Krankenhaus gab, hat er schwer kranke Patienten in deren Wohnungen und Häusern behandelt. Dabei machte er die Erfahrung, dass es segensreich war, totgeweihten Patienten den letzten Lebensabschnitt durch Medikamente, wie dem opiumhaltigen Mohnsaft (Laudanum) ihre Beschwerden zu lindern, auch wenn sich dadurch ihr Leben um einige Tage verkürzte.

Eine solche palliative, das heißt eine das Leiden im Endstadium lindernde Behandlung unter bewusster Inkaufnahme auch unerwünschter Nebenwirkungen, entsprach nicht dem medizinischen Leitbild der Zeit Kortums, in der nil nocere (vor allem nicht schaden) die Maxime des ärztlichen Handelns war und dies unabhängig von den Bedürfnissen auch sterbenskranker Patienten.

Mit seiner Auffassung, zuerst dem Kranken zu helfen und dann erst dem Dogma zu dienen, befand sich Dr. Kortum im Widerspruch mit der gültigen Lehrmeinung der Medizin in Deutschland. Der Arzt Dr. Kortum war für kranke Menschen stets präsent, wenn er gebraucht wurde. Dafür haben ihn die Stolberger geliebt und hoch verehrt.

Mit seiner differenzierten Anwendung von Mohnsaft bei sterbenden Patienten darf er zusammen mit einem Kriegschirurgen der napoleonischen Zeit als der erste Palliativmediziner im deutschsprachigen Raum angesehen werden. Mit seiner standhaften Haltung gegenüber veralteten, doktrinären Auffassungen seiner Zeit ist er auch heute noch ein Vorbild für die gegenwärtige und auch für künftige Arztgenerationen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert