Vortrag: Schon früh ein Gefühl für europäische Politik

Von: Christian Altena
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Historiker Armin Meißnerzeichnete vor interessierten Zuhörern des Leben und Wirken Karls des IV. nach. Foto: T. Dörflinger

Stolberg. Schwindlig kann es einem werden, will man die dreißig Fürsten, die in Aachen zu deutschen Königen gewählt wurden, aufzählen. Jahreszahlen, Namen, Beinamen und jenseits der großen Namen wie Karl dem Großen oder Friedrich Barbarossa verliert man sich schnell im Dickicht der fünfhundertjährigen Chronologie Aachener Krönungen.

Armin Meißner nahm die zahlreichen Besucher seines jüngsten Vortrages für den Stolberger Heimat- und Geschichtsverein nun wieder einmal mit auf eine spannende und auch vergnügliche Reise ins Mittelalter, um eine der weniger schillernden Persönlichkeiten näherzubringen.

Karl IV., geboren 1316 in Prag und aus dem Hause Luxemburg stammend, war der Abend im Salon des Kupferhofs Rosenthal gewidmet, der mit mehrfachem und langem Applaus geschlossen wurde.

Eindrucksvoll nachgezeichnet

Aber wirklich weniger schillernd? Der als Wenzel, oder tschechisch Wentscheslaw, geborene Sohn Johanns von Luxemburg, König von Böhmen, ist den Tschechen und Pragern insbesondere als ihr ‚Karel‘ in bester Erinnerung. Seinen Lebensweg, ohne die Vorgeschichte seiner Königswürde und die weniger glückliche Fortführung seiner Erben zu unterschlagen, zeichnete der Historiker das Leben eindrucksvoll nach.

Mit dreißig Jahren wurde Karl 1346 König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und verfolgte bis zu seinem Tode 1378 eine innovative und erfolgreiche Politik im Reich, wie Meißner darstellte. Mit der Goldenen Bulle initiierte er die rechtliche Grundlage des spätmittelalterlichen Deutschlands, sie war „Grundgesetz und Verfassung des Heiligen Römischen Reiches“, wie der Referent erklärte. Und diese galt bis 1806!

Neben der inneren Stabilisierung des Reiches verfolgte Karl IV. auch eine bemerkenswerte Wirtschaftspolitik, in dem er vor allem Handelswege von der Ostsee bis ans Mittelmeer zu reaktivieren suchte. Das große böhmische Königreich rückte so von der Randlage des Reiches in sein Zentrum.

Und das war natürlich auch kein Zufall, wie das Publikum erfuhr: Karl vollführte in seiner Ostpolitik einen „Neubeginn in gewandelter Form“, wie Meißner mehrfach betonte. Durch Einbeziehung Polens, Mährens, Ungarns oder Litauens beförderte er die dortige Staatsentwicklung und die Stellung des Reiches und seiner Herrschaften.

Der Mann, der seinen großen Namen Karl erst in Frankreich während seiner dortigen Erziehungszeit am königlichen Hofe erhielt, wusste sehr gut, wie man europäische Politik betreiben muss.

Anschaulich erklärte Meißner die Zusammenhänge: sein Name war ein Symbol für die Identifikation der eigenen Politik mit der übergroßen Gestalt Karl dem Großen wie aber auch seinem Erzieher König Karl IV. von Frankreich. Die Gratwanderung eigenständiger Machtpolitik, ohne dem westlichen Nachbarn auf die Füße zu treten, beherrschte er wie das vorsichtige Vorgehen in Italien, das er als junger Mann drei Jahre bereist und in seinen eigenen Wirren bestens kennengelernt hatte.

Große Nachhaltigkeit

Karls Geburtstag jährte sich im letzten Jahr zum 700. Male, und zu diesem Anlass hatte Armin Meißner den Vortrag bereits in Eschweiler gehalten. Ein Anlass um eine Person, die viel zu wenig öffentliche Würdigung erfuhr, da Karls Politik auf verschiedenen Feldern von großer Nachhaltigkeit geprägt war.

Die alte Reichsverfassung, die Verehrung durch die Tschechen, wo die großartigen Bauwerke der Karlsbrücke in Prag und Burg Karlstein bis heute Erinnerungsorte darstellen, bis zur Fortführung seines Vermächtnisses der Ostpolitik, die von den Habsburgern bis 1918 fortgeführt wurde, und vieles mehr ist ohne diesen Karl nicht denkbar.

Und wer Meißner kennt, weiß, dass an vielen Stellen Exkurse in die Kunst- oder Militärgeschichte wie auch Philosophie und Religionsgeschichte unternommen und wegen des zeitlichen Rahmens eines Vortrags wieder abgebrochen werden mussten, obwohl die Zuhörer gebannt sind von den lebendigen Ausführungen des Fachmanns.

Ein biografischer Vortrag lebt natürlich nicht nur von Taten und Werken und so stand auch Karls Persönlichkeit im Vordergrund. Man könnte sich hinreißen lassen, Karl als „großen Europäer“ zu bezeichnen, der in seinem nachhaltigen Handeln und eigenen Denken französische Erziehung, deutsche Zielstrebigkeit und böhmisches Durchhaltevermögen vereinte. Diese Eigenschaften arbeitete Meißner als Karls besondere Eigenart heraus.

Doch betonte er allgemein für die historische Betrachtung von Akteuren der Geschichte, dass „Menschen an ihrer Zeit“ gemessen werden müssen, „nicht an unserer Zeit“.

Und da dieses Durcheinander „immer noch in den Köpfen mancher moderner Historiker ‚rumspukt“, wie der Referent kritisch anmerkte, nahmen die Gäste des kostenlosen Vortrags des Stolberger Geschichtsvereins interessante Kenntnisse einer spannenden spätmittelalterlichen Persönlichkeit mit, die mit dem modernen Europa so wenig zu tun hat wie der Große Karl, dessen Kult in Aachen erst durch Karl IV., dem Luxemburger auf dem deutschen Kaiserthron, wiederbelebt wurde.

Vielleicht zu sehr, wenn man bedenkt, dass Aachen von vielen großen Persönlichkeiten besucht und geprägt wurde, nicht zuletzt auch durch Karl IV. Denn seiner Ostpolitik sind auch die vielen Pilger aus Ungarn, Polen und Böhmen zu verdanken. Der Historiker Armin Meißner verband lebendige Darstellung, historische Einordnung und kritische Betrachtung in gewohnter wie unterhaltsamer Weise und ist daher zurecht stets ein Höhepunkt im Veranstaltungskalender des Geschichtsvereins.

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