Vorschläge aus Stolberg für eine inklusive Liga

Von: Dirk Müller
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Bei den „Tabalingo“-Turnieren spielen Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung oder Förderbedarf in gemischten Teams Fußball. Foto: D. Müller
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Ursula Espeter und der FVM-Inklusionsbeauftragte Hans Willy Zolper tauschen rege Informationen und Erfahrungen aus. Foto: D. Müller

Stolberg. Inklusion soll Menschen mit Förderbedarf und Behinderungen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. „Was Kindertagesstätten und Schulen betrifft, so kann die Regierung inklusive Bildung bestimmen. Im Freizeitbereich aber sieht es ganz anders aus“, erklärt Ursula Espeter, Leiterin von „Tabalingo“.

Rund 180 Kinder, Jugendliche und Erwachsene treiben inzwischen bei der inklusiven Initiative „Tabalingo“ an der Hastenrather Straße Sport und sind zum Beispiel im Schwarzlichttheater kreativ. 100 von ihnen spielen dort regelmäßig Fußball. Je ein Drittel sind „Tabalingo“-Aktive mit Handicap und Förderbedarf. Grund genug für Hans Willy Zolper, die ehemalige Nerzfarm zu besuchen.

Zolper war Geschäftsführer des Fußballverbands Mittelrhein (FVM), seit einem Jahr ist er der Inklusionsbeauftragte des Verbands. Zunächst lässt er sich die drei Kleinspielfelder zeigen. Von ihrem 6000 Quadratmeter großen Gelände hat die Familie Espeter gut 4000 in „Tabalingo“ umgewandelt.

Der Kunstrasen ist ein speziell gedämpfter Rasenteppich, die „Flutlichtanlage“ besteht aus günstigen Strahlern aus dem Baumarkt. Zwei der Kleinfelder sind komplett mit Banden versehen, es gibt ein gemütliches „Vereinsheim“, auch wenn „Tabalingo“ kein Verein, sondern eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft (UG) ist. „Deshalb können wir uns keinem Verband anschließen“, sagt Espeter.

Tatsächlich sei die Rechtsform der UG noch relativ neu, das Satzungswerk der Verbände hingegen eher traditionell, erläutert Zolper: „Ich halte es für sinnvoll, die Satzungen den Gegebenheiten anzupassen, so dass auch gemeinnützige Unternehmergesellschaft sich den Verbänden anschließen können.“ In erster Linie ist Zolper in der Kupferstadt zu Gast, um sich ein Bild von „Tabalingo“ zu machen, Informationen und Eindrücke zu sammeln: „Bisher gab es beim Deutschen Fußballbund nur wenige Berührungspunkte mit behinderten Menschen. Ich bin heute hier, um als Inklusionsbeauftragter des FVM von den Erfahrungen bei ,Tabalingo‘ zu profitieren.“ Inklusiver Fußball sei ein noch „zartes Pflänzchen“.

Problem Leistungsgedanke

Zolper hat 900 Vereine des Fußballverbands Mittelrhein mit einem Fragebogen zum Thema Inklusion angeschrieben. „Geantwortet haben 60, von denen wiederum acht seit Jahren auch behinderte Sportler im Verein haben.“ Handlungsbedarf sieht auch Ursula Espeter: „Derzeit können Menschen mit Handicap und Förderbedarf zwar in Schulen, Werkstätten und Einrichtungen wie der Caritas Fußballspielen, aber Konzepte für die Freizeit gibt es nicht.“ Zolper bekräftigt, dies solle sich ändern, die Frage sei aber, wie. Der Inklusionsbeauftragte staunt über die Mannschaftsstrukturen bei „Tabalingo“, die Espeter ihm auseinanderlegt. Statt in Zweijahresstufen können je nach Grad der Behinderung auch vier Jahrgänge in einem Team spielen.

„Das ist gelebte Inklusion“, lobt Zolper, kommt aber auf Probleme zu sprechen: „Beim Fußballspielen im Verein geht es ja ums Gewinnen, um den Klassenerhalt oder den Aufstieg.“ Auch wenn Initiativen wie die „Fair-Play-Auszeichnung“ des DFB oder „Fußball ist mehr als ein 1:0“ der Egidius-Braun-Stiftung andere Aspekte des Sports hervorheben würden, zähle hauptsächlich der Leistungsgedanke.

Dieser führe aber auch dazu, dass schwächere Spieler den Großteil der Saison auf der Reservebank verbringen, hält Espeter ihm entgegen: „Es muss den Vereinen doch auch um die Mitgliederzahlen gehen, um den Spaß am Sport und dem Zusammengehörigkeitsgefühl – nicht nur um den Erfolg.“

Beim inklusiven Fußball im Verein gelte es, besonders die Problematiken hinsichtlich behinderter Sportler zu berücksichtigen. „Oft ist ihre Leistungsstärke geringer im Vergleich zu den Regelkindern und –jugendlichen. Auch wöchentliche Spiele sind für die meisten einfach zu viel“, nennt Espeter Beispiele, die ihr als Grundlage bei der Erstellung eines Inklusiv-Liga-Konzepts dienten, das sie Zolper vorlegt.

Es sieht unter anderem Staffelgruppen mit nur fünf teilnehmenden Mannschaften vor. Gespielt werden soll auf Kleinfeldern mit vier bis sechs Sportlern pro Team, als Anzahl der Spieltage schlägt Espeter acht vor (Hin- und Rückrunde).

„Wichtig ist, die Einteilung und Spielklassen flexibler zu handhaben, behinderte Sportler etwa in jüngeren Altersklassen mitspielen zu lassen, würde helfen“, sagt Espeter. Ihre Konzeption wolle „nicht krampfhaft Behinderte und Nichtbehinderte zusammenbringen“, betont sie: „Jeder soll in seiner Leistungsstärke und seinem sozialen Wohlfühl-Modus abgeholt werden, und trotzdem nehmen alle an einem gemeinsamen System teil.“ Vereine, die in einer Inklusiv-Liga mitspielen, wären nicht nur für die „Sportskanonen“, sondern für viel mehr Kinder und Jugendliche aus dem wohnortnahen Umfeld attraktiv.

„Besonders wertvoll“

Der Inklusionsbeauftragte nimmt Espeters Konzeptvorschlag gerne zur Kenntnis – und mit zum Fußballverband Mittelrhein. „Diese Ausarbeitung beinhaltet mehr als nur Ideen und Ansätze. Sie ist sehr detailliert und beruht auf Erfahrungen, was sie für uns besonders wertvoll macht“, sagt Zolper und bekräftigt, Inklusion sei auch für den Vereins-Fußball ein wichtiges Thema: „Das kann man nicht nur an meinem Besuch bei ,Tabalingo‘ sehen. Der Fußballverband Nordrhein zum Beispiel will 2014 eine Inklusiv-Liga mit acht Teams an den Start bringen.“

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