Vorreiter bei dezentraler Unterbringung

Von: Jürgen Lange
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Ausgebucht und nur als erste Anlaufstelle für Flüchtlinge gedacht sind die Obdache am Kelmesberg (Bild) und an der Wiesenstraße. Ziel der Stadt ist eine dezentrale Unterbringung von Familien und Einzelpersonen über das ganze Stadtgebiet verteilt. Foto: J. Lange
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Vorreiterrolle in der Region: WoGe-Geschäftsführer Werner Jansen (l.) und Bürgermeister Tim Grüttemeier unterzeichnen den Kooperationsvertrag zur Anmietung von Wohnungen für Flüchtlinge. Foto: J. Lange

Stolberg. „Mit dieser Unterschrift übernimmt Stolberg wohl die Vorreiterrolle in der Region“, sagt Tim Grüttemeier und würdigt das Engagement der Stolberger Wohnungsgenossenschaft (WoGe) für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Kupferstadt.

Geschäftsführer Werner Jansen und der Bürgermeister paraphierten eine Kooperationsvereinbarung laut der die Stadt zunächst bis zu 25 Wohnungen aus dem Bestand der WoGe im Stadtgebiet zu den ortsüblichen Konditionen anmieten kann. „Diese Kooperation ist ein wichtiger Pfeiler bei der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen in unserer Stadt“, würdigt der für Soziales zuständige Beigeordnete Robert Voigtsberger.

In die Mitte der Gesellschaft

Bereits am Vorabend hatte der Stadtrat einstimmig drei Entscheidungen getroffen, die soziale Konflikte vermeiden und die Integration fördern helfen sollen. Neben der Kooperation mit der WoGe wurde dem Bürgermeister bis Jahresende befristet gestattet, „auf dem kleinen Dienstweg“ außerdem auf dem freien Markt Wohnungen anzumieten.

Dritter Pfeiler ist eine entsprechende Anpassung der städtischen Satzung für Übergangswohnheime und Obdache, um schnell und flexibel reagieren zu können. Sprecher aller Fraktionen im Rat würdigten, dass sich die Kupferstadt ihrer Verantwortung bewusst sei und eine langwierige Bürokratie vermieden werden solle.

Wie dringlich solch flexible Reglungen sind, kann Robert Voigtsberger an Zahlen festmachen. Seit Neujahr stieg die Zahl der zugewiesenen Flüchtlinge um 40 auf aktuell 396 Menschen. 136 davon sind in den beiden zentralen Unterkünften am Kelmesberg und an der Wiesenstraße untergebracht. Sie sind damit ausgebucht, zumal auch derzeit 36 Obdachlose dort unterzubringen sind. Für 260 Flüchtlinge konnten bereits privater Wohnraum gefunden werden.

„Wir erhalten nun von der WoGe Unterstützung an zentraler Stelle“, so Voigtsberger weiter. Denn dank der Zusammenarbeit könnten weitere erwartete Flüchtlinge zunehmend dezentral eine Bleibe finden – bei rechtzeitiger Ankündigung durch die zuständige Bezirksregierung Arnsberg auch ohne Zwischenstation in einem der Obdache, die möglichst auch ein wenig entlastet werden sollen.

„Es sind teilweise sehr einfache Unterkünfte“, sagt Paul Schäfermeier. Wohnungen mit Kohleöfen und Duschen im Keller. Ein adäquates Heim sieht wohl anders aus. „Doch die Stimmung unter den Menschen ist trotz der angespannten Situation gut“, beschreibt der Leiter des Sozialamtes die Lage.

Die meisten Flüchtlinge kommen aus Eritrea sowie den ehemals jugoslawischen Staaten des Balkans sowie vereinzelt aus Syrien. „Wir sind bemüht, sie entsprechend ihres jeweiligen Migrationshintergrundes in den unterschiedlichen Gebäuden der Obdache unterzubringen“, so Schäfermeier weiter. Dann werde in der Regel eine passende Bleibe auf dem Wohnungsmarkt gesucht.

Das wird dank des Vertrages mit der WoGe nun entschieden einfacher. Sie hat in ihren 625 eigenen und 635 verwalteten Wohnungen in Stolberg eine hohe Fluktuationsrate, beschreibt Vorstandsmitglied Ferdi Gatzweiler. Derzeit stehen etwa 20 Wohnungen mit unterschiedlichen Zuschnitten in verschiedenen Objekten im Stadtgebiet leer.

„Nun werden wir gemeinsam mit der Verwaltung versuchen, die passenden Wohnungen für die Menschen zu finden“, so Gatzweiler. Und dabei meint der 59-Jährige weniger den Zimmerzuschnitt denn das soziale Umfeld. „Jeder Flüchtling ist für unsere Kultur und unsere Wirtschaft eine Bereicherung“, zitiert Gatzweiler und appelliert, sich „nicht nur in Worthülsen zu bewegen“.

Stolberger Flüchtlings-Dialog

Die WoGe tut dies jedenfalls nicht.; sie strengt sich an. Einstimmig haben Aufsichtsrat und Vorstand beschlossen, sich für die Unterbringung der Flüchtlinge zu engagieren, um sie „auch in die Mitte der Gesellschaft zu führen“, so Grüttemeier. In einem nachbarschaftlichem Umfeld soll Akzeptanz erzeugt und Unterstützung generiert werden, betonen Gatz­weiler und Voigtsberger, diesen Weg gemeinsam beschreiten zu wollen.

Aber wo dies im Einzelfall nicht funktioniere, werde man auch gezielt reagieren: „Wir machen keine soziale Traumtänzerei“, sagt Gatzweiler; auch das sei man den Mitgliedern einer traditionell sozial engagierten WoGe schuldig. Es soll ein begleiteter Weg sein, denn die Kooperation sei nur eine Hülle, die ab sofort mit Leben gefüllt werden.

Die WoGe werde die Flüchtlinge mit einem Betreuungsangebot sozial begleiten – übrigens ebenso wie dies bereits bei Mitgliedern und Mieter geschehe, falls erforderlich. 4,5 Stellen sind in der Verwaltung für Administration, Betreuung und Begleitung vorgesehen.

„Hinzu kommt das Engagement freier Träger und von Einzelpersonen“, betont Voigtsberger. Das soll nun kurzfristig gebündelt und abgestimmt werden auf die Situation. Alle Akteure sind dazu zum ersten „Stolberger Flüchtlings-Dialog“ eingeladen worden.

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