Vormundschaften: Immer öfter wird die Notbremse gezogen

Von: Michael Grobusch
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Sie sind bei der Stadt Stolberg zuständig für Vormundschaften: Maria Sass (v.l.), Petra Palm und als Vertreterin Käthe Büchel. Verstärkt wird das Team seit einigen Wochen durch Karin Geicht. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Die Nachricht vom Tod des zweijährigen Kevin sorgte im Oktober 2006 bundesweit für Erschütterung. Der Leichnam war von der Polizei in der Wohnung des Stiefvaters in Bremen gefunden worden – mit 21 Knochenbrüchen, versteckt im Kühlschrank. Kevin ist seitdem zum Synonym geworden für die Debatte über den Schutz des Kindeswohles. Und diese hat auch in Stolberg für nachhaltige Veränderungen gesorgt.

Mit der deutlichen Verschärfung des Vormundschafts- und Betreuungsrechtes (siehe Box) ist der Rahmen für die Arbeit von Petra Palm ein völlig anderer geworden. „Früher waren wir eher Unterschriftsbeamte, heute sind wir für die Kinder Vertrauensperson und Begleiter in allen Lebenslagen“, beschreibt sie den Wandel ihrer Tätigkeit. Gemeinsam mit Maria Sass und Karin Geicht übernimmt sie für das Stolberger Jugendamt Vormundschaften. „Das ist eine sehr verantwortungsvolle und arbeitsintensive Arbeit“, weiß Fachbereichsleiter Willi Seyffarth.

In der Regel findet sie weit weg vom Schreibtisch im Rathaus statt, denn ein Vormund betreut seine Mündel „in gewohnter Umgebung“, wie es der Gesetzgeber formuliert hat. In der täglichen Praxis ist das vor allem gleichzusetzen mit Besuchen und Gesprächen zu Hause, aber beispielsweise auch mit der gemeinsamen Teilnahme an Festen und der Begleitung zu Training oder Musikunterricht. „Für viele Kinder sind wir über Jahre die einzige feste und verlässliche Bezugsperson“, betont Maria Sass. Und gerade diese sei für die weitere Entwicklung enorm wichtig, weil das eigene familiäre Umfeld einen solchen Halt in der Regel nicht biete.

Untragbare Familienverhältnisse

„Mehr als 90 Prozent der Kinder, für die wir eine Vormundschaft übernehmen, sind zuvor schon intensiv vom Allgemeinen sozialen Dienst betreut worden“, gewährt Seyffarth einen Blick in die Statistik. „Bei den Mündeln handelt es sich zum größten Teil um Kinder oder Jugendliche aus sehr schwierigen oder untragbaren Familienverhältnissen. Sie haben häufig gravierende Schädigungen und traumatische Erfahrungen hinter sich und sind entsprechend verhaltensauffällig.“

Der Entzug des Sorgerechtes ist das letzte Glied in einer Kette von Maßnahmen. Er kann nur vom zuständigen Familiengericht veranlasst werden – für einen begrenzten Zeitraum oder auch auf Dauer. Das Gericht bestellt dann auch den Vormund. Untergebracht werden die Kinder oftmals in Pflegefamilien, manchmal auch in Heimen oder Wohngruppen.

„Die Zahl der Erwachsenen, die erziehungsunfähig sind, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, hat Willi Seyffarth festgestellt. „Viele von ihnen wollen das Sorgerecht auch nicht mehr zurückhaben, weil sie mit einem Kind einfach überfordert sind.“ Das ist bei Petra Palm und ihren Kolleginnen sicherlich nicht der Fall. „Das Schöne an unserer Arbeit ist, dass wir nur für die Kinder da sind. Wir unterstützen sie in ihrer positiven Entwicklung und treten auch als Vermittler auf, wenn es Probleme mit anderen gibt.“

Grundsätzlich und automatisch wird eine Vormundschaft eingerichtet, wenn eine Mutter nicht verheiratet und minderjährig ist und das Kind somit keinen sorgeberechtigten Elternteil besitzt. Gleiches gilt für den Fall, dass die Eltern versterben. Sind die Eltern nicht in der Lage, die Sorge für ihr Kind (oder ihre Kinder) zu übernehmen, muss das, wie erwähnt, vom Familiengericht festgestellt werden. Mit einer neuen Situation haben es die Vormünder in Stolberg seit Anfang 2012 zu tun.

„Es müssen immer mehr Vormundschaften für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge eingerichtet werden“, berichtet Käthe Büchel, stellvertretende Leiterin des Amtes für Kinder, Jugendliche, Familie, Soziales und Wohnen. Das sei mit besonderen Herausforderungen verbunden: „Die Jugendlichen haben oft Sprachprobleme, kommen aus einem anderen Kulturkreis und haben oft traumatische Erfahrungen durchleben müssen.“

Polizei greift junge Flüchtlinge auf

Die meisten von ihnen werden in Aachen von der Bundespolizei aufgegriffen und dann entsprechend der vorhandenen Unterbringungskapazitäten auf die Kommunen in der Region verteilt. Die Zuständigkeit des Jugendamtes richtet sich dann stets nach dem offiziellen Aufenthaltsort des Flüchtlings. Die Liste der Herkunftsländer wird derzeit von Afghanistan angeführt. „Wir gehen aber davon aus, dass sich das aufgrund der Lage in Ägypten und vor allem wegen des Bürgerkriegs in Syrien bald ändern wird“, so Willi Seyffarth.

Zu erwarten ist vor diesem Hintergrund, dass die Fallzahlen in der Kupferstadt weiter steigen werden und sich der Trend der vergangenen fünf Jahre damit fortsetzt. Waren im Jahr 2009 in Stolberg 69 Amtsvormundschaften registriert worden, so wurden 2012 mit 91 deutlich mehr gezählt. Dieser Wert dürfte im laufenden Jahr noch einmal übertroffen werden, bis Ende August hat es bereits 87 Vormundschaften gegeben.

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