Volkszählung: 1111 Stolberger weniger als bisher gedacht

Von: Jürgen Lange
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Zensus
Da waren‘s nur noch 56 206 Einwohner: Die Statistiker streichen 1111 Stolberger aus ihren Listen. Grafik: H. Claßen / Foto: J. Lange
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Ist angewiesen auf aktuelle Daten zur Entwicklung des „Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge“ wie auch für die Verkehrsentwicklung: Ruth Roelen, bei der Städteregion zuständig für Mobilität und Raumentwicklung.

Stolberg. „Wir brauchen dringend die Daten vom bundesweiten Zensus 2011“. Das sagte Dr. Wolfgang Joußen, als er im März den ersten Stolberger Familienbericht vorlegte, der im Auftrag des Jugendamtes erstellt wurde. Der Soziologe kam zu der Einschätzung, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in der Kupferstadt von Armut bedroht sind. Mit den Ergebnissen des Zensus will Joußen die Verhältnisse in den einzelnen Sozialräumen der Stadt noch differenzierter untersuchen.

Am Freitag um 11 Uhr konnte er damit anfangen, als die Statistische Ämter des Bundes und der Länder die Ergebnisse der „kleinen Volkszählung“ veröffentlicht haben. Es dürfte eine Menge an Arbeit auf Nutzer der Ergebnisse der Statistik zu kommen, denn zahlreiche Veränderungen offenbaren die Zahlen.

Als erstes fällt die Einwohnerzahl in den Blick. 56.206 Stolberger gibt es zum Stichtag 9. Mai 2011 nur noch in der Kupferstadt – 1111 Bürger weniger als die letzten offiziellen Zahlen. Die liefert „it NRW“. Mit 57.317 Stolbergern (30. Juni 2012) hat die Stadtverwaltung bislang gerechnet, erklärt Stefan Becker vom Hauptamt.

2010 listeten die Statistiker 57.474, im Millennium-Jahr sogar noch 58.682 Stolberger. Mit einem einfachen Klick am Computer im Meldeamt bekommt man noch längst nicht die aktuellen Zahlen, sagt Becker. Über Städteregion und „it NRW“ ruft Stolberg die Daten ab etwa zu Gebäudebestand, Staatsangehörigkeit, Demografie, Migrationszugehörigkeit, Schulbildung, etc.

Und bei solchen Daten liegen offensichtlich Welten zwischen den bislang genutzten und den aktuellen Zahlen. Genauer gesagt Jahrzehnte. Denn die Landesstatistiker schreiben ihre Werte anhand der von den Kommunen gelieferten Veränderungen lediglich weiter. „Beispielsweise verziehen Menschen in andere Bundesländer oder ins Ausland ohne sich abzumelden“, sagt Leo Küll von „it NRW“; oder es kommen keine Rückmeldungen aus anderen Kommunen, Zweitwohnsitze wurden unterschiedlich berechnet, oder, oder, oder:

„Über die Jahre werden die Werte immer ungenauer“, erläutert Küll die Differenz. Wobei die letzte Volkszählung 1987 bereits ein Vierteljahrhundert zurück liegt. „Aber selbst die Zahlen von 1987 sind nicht identisch, denn mit einem Urteil hat das Bundesverfassungsgericht einen Rückabgleich der Volkszählung mit den kommunalen Daten untersagt.“

„Wir planen für die Menschen“

2011 wurde aus Kostengründen lediglich eine „kleine Volkszählung“ durchgeführt. Nur etwa jeder zehnte Haushalt wurde befragt und die Werte mit anderen Datenbasen abgeglichen. „Ein Test in 2001 hat gezeigt“, so Küll, „dass die Statistiker so verlässliche Daten erhalten, aus denen man Konsequenzen ziehen kann“.

Eine, die das macht, ist auch Ruth Roelen. Bei der Regionalentwicklung der Städteregion ist die Stolbergerin zuständig für Mobilität und Raumentwicklung. „Wir sind angewiesen auf die aktuellen Daten für die weitere Gestaltung und Berücksichtigung aktuellerer Tendenzen, um Prozesse, Projekte und Pläne entwickeln und gestalten zu können“, sagt Roelen. „ArD“, das Aktionsprogramm für regionale Daseinsvorsorge, ist ein Beispiel dafür.

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung geht es bei diesem vom Bund geförderten Modellprojekt um Lösungsansätze, wie zukünftig beispielsweise die ärztliche Versorgung oder die Nahversorgung im ländlichen Raum gewährleistet werden kann, welche Entwicklungsmöglichkeiten die Dörfer und Stadtteile haben, wie die Menschen in die Nachbarschaft oder die Zentren mit öffentlichen Verkehrsmitteln gelangen können.

„Wir planen ja nicht für Autos und Verkehr, sondern für die Menschen und ihren Lebensraum“, sagt Roelen. Und wenn man dies verlässlich machen möchte, dann muss man halt nicht nur über Wünsche, Bedarf und Bedürfnisse reden, sondern dann muss man auch auf Basis von konkreten Zahlen rechnen können, was machbar ist und wie es finanziert werden kann.

Dann braucht man beispielsweise Daten für Stolberg wie folgende: 27.684 Wohnungen sind registriert mit einer durchschnittlichen Wohngröße von 91,8 m2, 42,5 Prozent werden vom Eigentümer genutzt, 52,5 Prozent sind vermietet, 4,2 Prozent stehen leer. 11.482 verfügen über Zentralheizung, 1864 über eine Etagenheizung, 185 Fernwärme und 98 Wohnungen haben keine Heizung. Zwischen 1949 und 1978 wurde in der Kupferstadt mit 13.291 Wohnungen die Masse des Bestandes errichtet.

Lediglich 195 Wohnungen sind jünger als fünf Jahre. Religionszugehörigkeit ist auch ein Thema: 63 Prozent der Stolberger sind Katholiken, 13,8 Prozent evangelisch und 23,2 Prozent gehören anderen oder keiner Religionsgemeinschaft an. Bemerkenswert sind folgende Zahlen: 12 010 Stolberger (21,4 ) – 5680 Männer und 6330 Frauen – haben einen Migrationshintergrund; 44.100 Stolberger (78,6 ) haben keinen. 51.050 haben die deutsche, 5160 Einwohner eine andere Staatsangehörigkeit. Solche und andere Daten werden aufgeschlüsselt nach Alter, Staatsangehörigkeit, Geschlecht, Schul- und Berufsabschluss, Stellung im Beruf, Ein- und Auspendler, etc.

Für viele Bereich lassen sich so Daten als Basis für die Entwicklung von Zukunftsmodellen entwickeln. Beispielsweise zum demografischen Wandel: 10.200 Stolberger sind jünger als 18 Jahre, 7340 zwischen 18 und 29 Jahre, 15.750 zwischen 30 und 49 Jahre, 11.390 zwischen 50 und 64 Jahre sowie 11.530 sind 65 Jahre und älter. Auch eine Aufschlüsselung nach elf Altersklassen bieten die Statistiker jetzt an, damit sie vor Ort von den Zukunftsplanern in Verwaltungen, Verbänden und Institutionen zur Analyse und Entwicklung von Konzepten genutzt werden können.

Weiterhin größer als Eschweiler

Eine Weitere, die ebenfalls händeringend auf die aktuelle Datenbasis gewartet hat, ist Dr. Nina Mika-Helfmeier. Sie ist bei der Städteregion neben der kulturellen Arbeit auch für die empirische Forschung zuständig. „Die neuen Zahlen fließen in das aktuelle Kompendium bereits mit ein“, erklärt Mika-Helfmeier. „Das Ergebnis des Zensus weicht ja in vielen Bereichen bereits deutlich ab von den bisher genutzten Zahlen“. Vor der Amtsleiterin und ihrem Team liegt nun jede Menge Arbeit. Denn bereits Anfang des nächsten Jahres soll das neue Kompendium vorgelegt werden. „Es wird den Schwerpunkt auf die Armutsentwicklung legen“, verrät Mika-Helfmeier.

Wie sehr die Daten heute abweichen, lässt sich am Beispiel des Kompendiums zum demografischen Wandel ableiten, das sie 2010 vorlegte. Auf einer Basis von 58 057 (2008) wurden für das Jahr 2030 in Stolberg 56.580 Einwohner prognostiziert; mit 15.390 wäre dann jeder Vierte älter als 65 Jahre, 11.992 waren für das Jahr 2008 gezählt.

Auch wenn die Zahlen differieren, der Trend bleibt: Die Stolberger Bevölkerung wird deutlich älter – und das wesentlich als im Vergleich zu Städteregion, Regierungsbezirk und Land. Auch das ist ein Ergebnis des Zensus; ebenso wie die Erkenntnis, dass Eschweiler weiterhin die kleinere Stadt ist – bei 54.671 Bürgern sind es 747 weniger als bisher.

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