Volkstrauertag: „Die Vergangenheit für alle greifbar machen“

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Auf dem Friedhof an der Bergstraße findet am Sonntag die Kranzniederlegung statt. Dann wird der Opfer der beiden Weltkriege gedacht. Frank Gilles vom VDK wird auch dabei sein. Ihm liegt dieser Tag besonders am Herzen. Foto: L. Beemelmanns

Stolberg. Vor ziemlich genau 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. In den Kriegsjahren sind Soldaten, Zwangsarbeiter und Zivilisten ums Leben gekommen. Sie kämpften an der Front, arbeiteten sich zu Tode oder verhungerten. Es sind Schicksale, die heutzutage kaum noch greifbar sind.

Damit aber eben diese Schicksale nicht in Vergessenheit geraten, gibt es Menschen wie Frank Gilles. Er ist Geschäftsführer des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) in Stolberg. Warum es auch 70 Jahre nach dem Krieg noch wichtig ist, an die Historie zu denken und warum vor allem auch junge Generationen diese Geschehnisse niemals vergessen sollten, darüber hat er im Interview mit Laura Beemelmanns gesprochen.

Herr Gilles, warum haben Sie einen besonderen Draht zu diesem Thema? Sind sie familiär vorbelastet?

Gilles: Sensibilisiert war ich schon durch mein familiäres Umfeld – aber auch durch einen ehemaligen Arbeitskollegen meines Vaters. Er war polnischer Staatsangehöriger, der im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter nach Deutschland kam. Er lernte hier in den Kriegswirren seine zukünftige Frau kennen und gründete sozusagen im Land des ehemaligen Feindes eine Familie. Ich habe als Kind das eine oder andere Gespräch zwischen ihm und meinem Vater mitbekommen. Damals konnte ich das noch gar nicht richtig deuten. Heute, als Erwachsener, schon. Es waren sehr traurige Dinge, die er geschildert hat. Als Kind empfand ich diese als sehr theatralische Darbietungen eines älteren Herrn. Heute kann ich mich besser in seine Lage versetzen.

Sind es vielleicht auch diese Schicksale, die die Geschichte des Krieges am Leben halten?

Gilles: Ja, das sind sie. Denn man muss sich vor Augen führen, dass es beispielsweise eine Generation gab, die in ihrem Leben zwei Weltkriege miterleben musste. Dazu gehörte auch meine Großmutter. Ihr ganzes Leben – und das vieler anderer Menschen – war ja im Grunde verpfuscht.

Irgendwann wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Wird der VDK dann noch wichtiger?

Gilles: Ja, die Thematik des Volksbund ist damals aus den Begebenheiten des Ersten Weltkrieges entstanden. Man hätte sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges wohl auf keiner Seite der kriegsführenden Parteien ausgemalt, zu welchen Ergebnissen in Form der schrecklichen Ereignisse und der Millionen Gefallenen die fortgeschrittene Waffentechnik und die neuen Methoden der Kriegsführung fähig waren. Es gab Millionen deutsche Kriegsgefallene im Ausland. Und da diese in der Regel nicht nach Deutschland umgebettet wurden, ist aus dieser Not heraus der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge entstanden. Zunächst als reiner Zweckverbund, der sich nur mit der Gräberpflege im Ausland betraut gemacht hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sich breiter aufgestellt. Gerade weil es irgendwann keine Zeitzeugen mehr geben wird, kommt auch dem Volksbund mit seiner Zielsetzung eine noch anspruchsvollere und wichtigere Rolle zu.

Am Sonntag ist Volkstrauertag. Wir gedenken an diesem Tag auch dieser Menschen. In diesen Jahren wurden viele solch trauriger Geschichten geschrieben. Warum hat dieser Tag auch 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine so hohe Bedeutung?

Gilles: Dieser Feiertag wird bundesweit begangen. Es ist der zentrale Tag, an dem aller Opfer von Krieg- und Gewaltherrschaft gedacht wird. Im Laufe der Jahre hat sich der Volkstrauertag aber weiterentwickelt und es sind verschiedene andere Aspekte hinzugekommen. Organisiert werden die Gedenkveranstaltungen auf allen Ebenen – von der zentralen Gedenkveranstaltung im Bundestag bis auf die Ortsebenen im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge.

Welche Aspekte sind hinzugekommen?

Gilles: Es werden Brücken zu aktuellen Ereignissen geschlagen, die mit dem Thema Krieg im weitesten Sinne zusammenhängen. Daher wird es auch gerade im Moment immer wichtiger, jungen Generationen dieses Thema näherzubringen. Denn auch heute gibt es kriegerische Auseinandersetzungen – das sehen wir auf allen Kanälen. Und Deutschland ist davon ebenfalls betroffen, weil die Flüchtlingsströme, die durch Kriege verursacht werden, unter anderem zu uns kommen. Umso wichtiger wird da zum Beispiel die Friedenserziehung. Daher gehen wir auch in Schulen, um dort Projekte mit den Schülern zu organisieren – das hat ja auch einen pädagogischen Ansatz.

Was sind das für Projekte?

Gilles: Wir haben in diesem Jahr beispielsweise ein Planspiel mit den Schülern des Goethe-Gymnasiums durchgeführt, bei dem es um die Thematik des Ersten Weltkrieges ging. Das Planspiel zielte darauf ab, die Geschehnisse rund um die sogenannten Pariser-Vorort-Verträge widerzuspiegeln. Es haben sich Gruppen formiert, die die einzelnen Alliierten-Parteien und die ehemaligen Mittelmächte Österreich, Ungarn und Deutschland vertreten haben. Es war sehr positiv zu sehen, mit welchem Engagement die Schüler sich eingebracht haben. Denn das ist wirklich eine abstrakte Materie. Davor ziehe ich meinen Hut.

Dem VDK ist also die aktive Arbeit mit den Jugendlichen sehr wichtig?

Gilles: Ja, denn wir haben uns vorgenommen auf die Zielgruppe, die wir ansprechen möchten, zuzugehen und nicht darauf zu warten, dass sie zu uns kommt.

Lassen die Schüler all das denn an sich heran oder ist ihnen der Krieg von damals vielleicht doch zu weit weg?

Gilles: Die aktuellen kriegerischen Geschehnisse werden uns derzeit ja fast minütlich vor Augen geführt – auch den Schülern. Daher ist das Thema aktueller denn je. Und wenn man sich vor Augen führt, dass diese Thematik „Gedenken an schreckliche Ereignisse unserer eigenen Historie“ gar nicht so weit davon entfernt ist, was heute in den Nachrichten präsentiert wird, und was man sieht, wenn man durch die Stadt geht – nämlich auch Flüchtlinge – dann ist man näher dran, als man vielleicht denkt. Und wir haben durch unsere Arbeit mit den Jugendlichen gesehen, dass wenn man die Vergangenheit greifbar macht und Gedenkstätten besucht, dass dieser abstrakte Moment, der 70 Jahre zurückliegt, auf einmal näher rückt und verständlich wird. Dann sieht man als Schüler dort möglicherweise das Grab eines nahezu Gleichaltrigen, der nie die Chance hatte, eine Familie zu gründen und in Freiheit zu leben, dann bekommt das auch für Jugendliche einen emotionalen Zug.

Warum sollte man denn Sonntag auf jeden Fall zur Gedenkveranstaltung kommen?

Gilles: Zum einen finde ich es sehr interessant, dass sich vor allem auch die jüngere Generation sehr stark bei dieser Veranstaltung einbringt. Hierbei können dann auch die Erwachsenen sehen, was nachkommende Generationen mit dieser Thematik verbinden. Das kann ja eine ganz andere und neue Sichtweise sein als diejenige, die man selbst hat. Was einen in der eigenen Jugend geprägt hat, das kann ja ganz anders sein als die Vorstellungen der jüngeren Menschen. Und zum anderen ist es wie gesagt eine Thematik, die nie an Aktualität verliert.

Wer stellt die Veranstaltung auf die Beine?

Gilles: An diesem Tag ist eine Vielzahl von Akteuren und Unterstützern dabei. Ohne die wäre es gar nicht möglich. Das beginnt bei Bürgermeister Tim Grüttemeier, der traditionell der Ortsverbandsvorsitzende des Volksbundes ist. Weiterhin dabei sind die Freiwillige Feuerwehr und deren Musikzug, die Schützenvereinigungen, nicht zu vergessen die Bundeswehr, die immer unterstützend wirkt und ohne die der feierliche Rahmen gar nicht gegeben wäre. Auch dabei sind die Pfarrer Hans Rolf Funken und Andreas Hinze, die Männergesangvereine aus Büsbach und der Siedlergemeinschaft Donnerberg sowie die Lehrer und Schüler. Ohne all diese Menschen wäre das nicht vorstellbar. Sie alle sorgen für die Ausgestaltung der Gedenkveranstaltung. Hierfür möchte ich mich auch an dieser stelle herzlich bedanken.

Ist anlässlich des 70. Jahrestages etwas Besonderes geplant?

Gilles: Ja, in diesem Jahr haben wir erstmalig eine Besonderheit. Mein Kollege und Historiker Christian Altena hat zur Thematik eine kleine Ausstellung vorbereitet, die auch in den Folgetagen noch im Rathaus zu sehen sein wird. Das bekommt durch die aktuellen Entwicklungen in der Flüchtlingsthematik eine sehr aktuelle Note, da auch auf das Leid der Stolberger Bevölkerung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Bezug genommen wird.

Dann muss ja am Sonntag nur noch das Wetter mitspielen – zumindest bei der Kranzniederlegung am Friedhof Bergstraße...

Gilles: Das will ich doch hoffen.

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