Vichter Dorfladen: Ein wichtiger Mittelpunkt im Dorfleben

Von: Dirk Müller
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Rudolf Vanderhuck trinkt seinen Kaffee im Vichter Dorfladen, der für viele Menschen nicht nur die Nahversorgung vor Ort sichert, sondern auch eine wichtige Plattform für Treffen und Gespräche geworden ist. Foto: D. Müller

Stolberg-Vicht. Am Samstag feiert er Geburtstag: Der Vichter Dorfladen mit Café wird ein Jahr alt. Getragen wird das Geschäft an der Eifelstraße 79 von dem Verein Vichter Dorfladen und Café, der den Laden nicht gewinnorientiert, sondern mit sozialem Anspruch betreibt.

Mit dem 2. Vorsitzenden des Trägervereins, Rudolf Vanderhuck, sprach Dirk Müller über die Geschichte des Dorfladens, die Bilanz nach einem Jahr und die Zukunft des Angebots vor Ort, das ohne aktive Ehrenamtler und wirtschaftliche Unterstützer nicht möglich wäre.

Wie kam es zu der Idee für den Vichter Dorfladen?

Vanderhuck: In Vicht haben immer mehr Geschäfte geschlossen, und das Dorf drohte auszubluten und zu einer reinen Schlafstätte zu werden. Es gab praktisch keine Einkaufsmöglichkeiten mehr.

Das brachte die Interessengemeinschaft Schönes Vicht auf den Plan, die sich um die Nahversorgung in Form eines rollenden Marktes bemühte. Der entscheidende Impuls für den Dorfladen kam dann letztendlich von Hans Graff.

Was war das für ein Impuls?

Vanderhuck: Erika und Hans Graff wollten ihr Geschäft altersbedingt schließen. Damit drohte noch mehr in Vicht wegzubrechen, denn das Geschäft beinhaltete Postfiliale, Lottoannahmestelle, Reisebüro und Friseursalon, und Schreibwaren, Geschenkartikel, Zeitschriften und mehr wurden dort angeboten.

Als Hans Graff die Idee ins Spiel brachte, aus den Geschäftsräumen einen Dorfladen zu machen, fiel dieser Gedanke auf fruchtbaren Boden. Die IG Schönes Vicht, Vertreter der Politik und Vichter Urgesteine haben die Idee weiterverfolgt und schließlich in die Tat umgesetzt.

Wie lange dauerte die Realisierung des Dorfladens?

Vanderhuck: Von der Idee bis zur Eröffnung waren es drei Jahre. Die intensive Vorbereitung war aus heutiger Sicht enorm wichtig. Bestes Beispiel ist die Befragung, die wir in Vicht durchgeführt haben.

Die Bürger haben uns so mitgeteilt, dass sie den Dorfladen wollen, und wie er konkret aussehen soll, beziehungsweise welche Waren im Angebot sein sollen. Und sie haben uns signalisiert, wer sich ehrenamtlich aktiv oder finanziell unterstützend einbringen möchte.

Wie ging es mit der Planung weiter?

Vanderhuck: Wir haben einen Businessplan erstellt. Dabei wurde uns klar, dass Personalkosten auf Dauer nicht tragbar sind. Aus dieser Not haben wir eine Tugend gemacht und auf das Ehrenamt gesetzt: Eine Angestellte stellt die organisatorische Kontinuität sicher und koordiniert die Arbeit der sonst allesamt ehrenamtlichen Helfer.

Die Ehrenamtler, die sich im Laden oder handwerklich und im Management hinter den Kulissen einbringen, sind die eine Hälfte des Herzens unseres Dorfladens. Die andere Hälfte sind die Kunden. Im März 2014 haben wir die detaillierten Pläne bei einer Bürgerversammlung vorgestellt und viel positive Resonanz erhalten.

Vor allem weil das Projekt einen hohen soziale Anspruch beinhaltet. Der Endspurt der Realisierung hat dann richtig Fahrt aufgenommen.

Was genau meinen Sie mit dem sozialen Anspruch?

Vanderhuck: Der Dorfladen sichert zunächst die Nahversorgung im Ort, was für die Menschen wichtig ist, die nicht in der Lage sind, außerhalb des Dorfes Einkäufe selbstständig zu tätigen. Aber es geht um mehr als nur ums Einkaufen: Der Dorfladen ist ein wichtiger Treffpunkt, eine Begegnungsstätte mit hoch kommunikativem Charakter, den wir durch die Kombination mit dem Café umgesetzt haben.

Zu unserem sozialen Anspruch zählen auch der Hol- und Bringdienst sowie der Lieferservice für Menschen, die nicht mobil sind. Beides wird aber bemerkenswerter Weise kaum in Anspruch genommen, denn die Leute machen sich auch mit Gehstock oder Rollator gerne selbst auf den Weg in den Dorfladen. Für Viele ist der Laden ein nicht mehr wegzudenkender Mittelpunkt im Vichter Dorfleben.

Hier treffen sich die Menschen aller Generationen und kommen ins Gespräch, während Einkäufe getätigt oder Kaffee getrunken werden. Der Dorfladen ist für die Menschen im Ort zu einem Stück Lebensqualität geworden, das Jung und Alt zu schätzen wissen. Die Liste der positiven Effekte ist lang und macht uns Freude.

Bitte nennen Sie einige Beispiele.

Vanderhuck: Etwa der „Waffeltag“, der einmal im Monat stattfindet. Dann ist im Dorfladen volles Haus. Der „Waffeltag“ ist für viele Menschen zu einer Institution geworden. Für andere ist jeder Freitag eine feste Größe: Dann kommt immer eine Gruppe ins Café, und die sieben bis acht Leute treffen sich hier regelmäßig zu einem Kaffeeklatsch.

Dass sich so viele Menschen ehrenamtlich in den Dorfladen einbringen, spricht ebenso für den sozialen Gedanken. Es gibt sehr viele Beispiele von älteren Menschen, die dank des Dorfladens wieder vor die Türe und unter Leute gehen. Zahlreiche Vichter warten auf die Prospekte mit den Sonderangeboten, die ab mittwochs im Dorfladen gelten.

Wir verteilen die Prospekte dienstags, und die Leute, die mal keinen Handzettel im Briefkasten haben, beschweren sich bei uns. Mittwochs ist übrigens nicht nur unser umsatzstärkster Tag, sondern für viele Vichter auch ein gesellschaftlich relevanter Tag, denn dann trifft man sich im Dorfladen auf ein Schwätzchen.

War es schwierig, die Umsetzung des Projektes zu finanzieren?

Vanderhuck: Dank der großen Unterstützung der Vichter nicht. Um den Dorfladen mit 30.000 Euro zu finanzieren, mussten wir 40.000 Euro selbst aufbringen. Dies ist gelungen, und zwar nicht, indem zehn Leute ihre Portemonnaies ganz groß geöffnet haben.

Es waren mehr als 300 Menschen, die den Dorfladen mit ihren finanziellen Zuwendungen ermöglicht haben. Dies war ebenso wie die Ehrenamtler, die im Vorfeld ihr Engagement zugesagt haben, eine deutliches Bekenntnis der Bürger für den Dorfladen mit Café.

Wie wurde der Dorfladen im ersten Jahr angenommen?

Vanderhuck: Der Kundenzuspruch ist sehr positiv. Durchschnittlich kaufen rund 165 Menschen täglich im Laden ein. Das hat unsere Erwartungen zwar übertroffen, aber der Wert der Einkäufe liegt im Schnitt leider unter unserem Plan. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass diese Problematik sich positiv entwickelt, und die Kunden künftig mehr Waren im Dorfladen kaufen.

Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Vanderhuck: Einerseits kurbeln wir aktiv das Geschäft an, etwa mit Angeboten und speziellen Aktionen. Andererseits löst sich das Problem zum Teil von selbst, denn immer mehr Kunden merken, was der Dorfladen alles zu bieten hat. Und je besser sie sich der breiten Palette bewusst werden, desto mehr kaufen sie auch ein und nutzen die Angebote.

Was umfasst die breite Palette der Angebote des Dorfladens mit Café?

Vanderhuck: Der Dorfladen ist ein kleiner Supermarkt mit Waren des täglichen Gebrauchs, wobei wir besonders mit Frische vor Ort punkten. Dazu zählen Brot und andere Backwaren, Obst und Gemüse, das jeden Tag frisch geliefert wird, Fleisch- und Wurstwaren sowie Molkereiprodukte.

Hinzu kommen die Dienstleistungen: In dem Dorfladen integriert ist nicht nur das Café, sondern auch eine Postagentur mit Paketannahme, eine Lottoannahmestelle, eine Reinigungsannahme und ein Foto- beziehungsweise Druck- und Kopierservice, bei dem vom USB-Stick aus gedruckt werden kann.

Auch das Büchertauschregal ist eine originelle Idee, die beliebt ist: Man stellt ein gelesenes Buch hinein und nimmt dafür eins mit, das man noch nicht kennt.

Wie steht es mit der wirtschaftlichen Bilanz des ambitionierten Projektes? Trägt der Vichter Dorfladen sich selbst?

Vanderhuck: Theoretisch ja, weil der Kundenzuspruch gut ist. Praktisch erbringen wir aber mit dem Angebot an Frische-Produkten, das übrigens 56 Prozent des Umsatzes ausmacht, eine Leistung, die wir eigentlich nicht selbst erwirtschaften können.

Die Investitionen hinsichtlich Kühlung und Klimatisierung sind einfach zu hoch für ein Geschäft unserer Größenordnung. Außerdem gibt es auch eine Fluktuation bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern, und wir benötigen auf Dauer mehr Ehrenamtler, die sich in dem und für den Dorfladen engagieren.

Also ist der Dorfladen langfristig zum Scheitern verurteilt?

Vanderhuck: Nein, wir sind sogar sehr optimistisch, dass der Dorfladen mit Café sich dauerhaft in Vicht entfalten kann. Vor Herausforderungen stehen wir zwar quasi permanent, aber diese Herausforderungen werden wir mit Hilfe der Bürger in Vicht, Zweifall und Umgebung bestehen.

Erstens wird sich eine höhere Einkaufsintensität der Kunden einstellen, zweitens werden wir mehr Ehrenamtler finden, die sich gerne einbringen und mitarbeiten möchten. Und drittens: Gewerbetreibende wie Privatpersonen werden uns durch Sponsoring, Spenden oder Mitgliedschaft im Trägerverein unterstützen.

Die einfache Formel lautet: Wenn die Menschen ihren Vichter Dorfladen wollen, dann wird er auch bestehen bleiben.

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