Stolberg-Schevenhütte - Verwaistes Rehkitz ist inzwischen selbst Mutter

Verwaistes Rehkitz ist inzwischen selbst Mutter

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
Alle zwei Stunden gibts die F
Alle zwei Stunden gibts die Flasche mit angewärmter Biestmilch: Förster Burghard Priese versucht in Schevenhütte das jetzt fünf Wochen alte Rehkitz Roxy durchzubringen. Foto: J. Lange

Stolberg-Schevenhütte. „Hunde gehören im Wald einfach an die Leine”, ärgert sich einmal mehr Burghard Priese. „Erst recht, wenn Brut- und Setzzeit ist”, sagt der Förster des Laufenburger Waldes. Immer häufiger klagen die Forstleute in Stolberg über verantwortungslose Halter von Hunden.

„Den Tieren kann man ja keinen Vorwurf machen”, unterstreicht Priese. „Sie gehen ja nur ihrem angeborenen Jagdinstinkt nach.” Doch der endet immer öfter tödlich für die natürlichen Waldbewohner.

Heute vor drei Wochen ereignete sich so ein Fall am Meiers­kamp in Hamich. Eine Tierärztin rief Priese an, weil ein Hund eine Rehkuh gerissen hatte. „In der Keule, in den Flanken und am Hals hatte das Deutsch Drahthaar das Reh gebissen”, berichtet Priese. „Es war nicht mehr zu retten und musste eingeschläfert werden”.

Das Muttertier hatte sich schützend vor sein zwei Wochen junges Kitz gestellt, als der Hund, der bereits in der Nachbarschaft Tiere gerissen hatte, losstürmte. Zumindest das Kitz wurde vor dem Zugriff bewahrt. Anwohner brachten es vor dem Jagdhund in Sicherheit. Doch in seinem jungen Alter muss das Kitz regelmäßig gefüttert werden. Etwa alle zwei Stunden saugt es normalerweise an den Zitzen seiner Mutter.

39 Grad warme Biestmilch - ersatzweise von Schafen oder Ziegen - wird dann gereicht und musste schnell besorgt werden. Der Förster nahm das Kitz mit ins Schevenhütter Forsthaus. In der Hoffnung, dass Fixi das Jungtier annehmen wird. Denn es ist nicht das erste Mal, dass Burghard und Ehefrau Ellen Priese als Ersatzeltern einspringen müssen.

Auch die Rehkuh Fixi haben sie vor vier Jahren aufgepeppelt mit Milch aus der Flasche, Möhren, Äpfeln und Pferdemüsli. Fixi und ihre Schwester Trixi sind als Opfer eines Jagdunfalls selbst Waisen. Priese und seine Mitarbeiter hatten die jungen Rehkinder im Wald entdeckt und mühevoll mit der Flasche aufgepeppelt bis sie in einem Freigehege am Forsthaus die Natur kennenlernen konnten. Nach etwa einem Jahr öffnete sich für sie das großzügige Gehege, damit sie ihr Leben in freier Wildbahn nachgehen konnten.

„Hunde gehören an die Leine”

Doch Fixi erwies sich dabei als eine treue Seele. Immer wieder stattete sie Familie Priese mal einen Besuch ab. Im Folgejahr präsentierte die hübsche Dame selbst zwei Kitze als Nachwuchs. Im vergangenen und in diesem Jahr war sie auch trächtig. „Aber aus irgendeinem Grund hat sie beides Mal ihre Kitze verloren”, musste Priese feststellen. Auch jetzt hatte sich ihr Gesäuge schon verhärtet, weil der Nachwuchs fehlte. Doch der Förster hatte die Hoffnung, dass Fixi für das Kitz aus Hamich als Adoptivmutter einspringt und wieder Muttermilch gibt.

„Es hat schon ein wenig gedauert, bis sie das Kitz angenommen hat”, erzählt Priese. Das lag vor allem am unbekannten Geruch von den Menschen, die das junge Rehkind vor dem Hund gerettet hatten. „Aber dann hat Fixi das Kitz erst einmal abgeleckt und damit war es akzeptiert”, freute sich die Familie Priese, die dem Kleinen den Namen Roxy gegeben haben. Doch schnell stellten sich neue Sorgen ein. Adoptivmutter Fixi gibt zu wenig Muttermilch. Um Roxy ernähren zu können, packten die Prieses die Babyflaschen wieder aus und wechseln sich nun zunächst alle zwei Stunden ab, damit das Kitz zu seiner lebenswichtigen Portion Milch kommen kann.

Dann hocken Ellen oder Burghard Priese im Baby-Laufstall im Eßzimmer, lassen Roxy an der Flasche nuckeln oder klein geschnittenes Obst, Gemüse und eine Portion Eichenlaub schlecken. Dann gehts für das mittlerweile fünf Wochen alte Kleine auch immer wieder raus ins Gehege am Forsthaus, wo Fixi schon ungeduldig auf ihr Adoptivkind wartet, um mit ihm herumzutollen.

Doch obwohl Roxy soeben eine ordentlich Portion Milch aus der Flasche gesaugt hat, ist der erste Weg des Kitz zum Gesäuge der Mama. Die massiert dabei mit der Zunge das Waidloch des Kleinen, um es für den Stuhlgang zu stimulieren. Ein Job, der während der ersten Lebenswochen auch von dem menschlichen Pflegeeltern erledigt werden muss, damit das Kitz Kot absetzen kann. Während der im Haus letztlich im Klo landet, wird in freier Wildbahn „die Losung vom Muttertier komplett wieder aufgenommen”, erklärt der Förster. Weil sie nahrhaft ist und den natürlichen Feinden in Wald und Flur keinen Anhaltspunkt für den Aufenthalt der Jungtiere zu geben werden soll.

Die natürlichen Feinde der Rehe sind in unseren Breiten ausgestorben. „Ihre Aufgabe übernehmen die Jäger und selektieren den Wildbestand nach vergleichbaren Kriterien”, sagt Priese: Alte, kranke und schwache Tiere werden geschossen.

Hunde aber hetzen Wild. Und auch von Hetzjagden mit hochläufigen Hunden hält der Förster nichts. „Im Laufenburger Wald gibt es sie schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr”. Das Wild werde dabei nur unnötig gestresst; Jägern fehle die Zeit zur gewissenhaften Ansprache und zum sicheren Schuss. Eine sanfte Drückjagd mit Treibern, die das Wild aus der Dickung drücken, sei tiergerechter. In einem Nachbarrevier habe es jüngst eine Treibjagd mit Hunden gegeben, die nicht nur Rotwild in den Laufenburger Wald gehetzt habe, sondern bei der einige Halter ihre Jagdhunde später in Schevenhütte hätten auflesen müssen.

„Hunde folgen nun einmal ihrem Trieb, da kann das Tier sonst noch so gehorsam sein”, warnt Burghard Priese. „Ich appelliere für einen generellen Leinenzwang von April bis Ende Juli während der Brut- und Setzzeit.” Bislang dürfen Hunde frei laufen, aber nur auf den Wegen, die sie nicht verlassen dürfen. „Aber das ist nur Theorie, denn der Jagdtrieb führt den Hund”. Es gebe Jäger, die stöbernde Hunde schießen würden, weil ihre Halter sie nicht unter Kontrolle haben. „Ich würde nie auf einen Hund schießen, denn das Tier kann ja nicht dafür”, bevorzugt Priese das aufklärende Gespräch mit dem Hundehalter.

Und selbst auf dem Weg kann ein frei laufender Hund für ein Reh schnell zu einer tödlichen Gefahr werden. Erkennt das die drohende Gefahr schon in der Ferne, ducken Reh und Kitz sind gleich in direkter Nähe ins Dickicht anstelle Fersengeld zu geben.
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