Vertretungspool für Kitas: Stolberg als Vorreiter

Von: Jürgen Lange
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Beispiel Parkstraße: Die Gressenicher Kita wird derzeit für neue integrative Ansprüche erweitert; Breinigerberg erhält bald eine zusätzliche Gruppe. Einer steigenden Nachfrage nach Betreuung steht ein Mangel an Fachkräften gegenüber. Foto: L. Flink

Stolberg. Einen neuen Weg beschreitet die Kupferstadt, um die Versorgung und Betreuung ihrer jüngsten Einwohner auch für die Zukunft sicherstellen zu können. Die Nachfrage nach qualifiziertem Personal wächst allerorten stärker als das Angebot. Deshalb baut Stolberg einen Personalpool auf, der bei Krankheit und Urlaub den Betreuungsstandard in den 19 städtischen Einrichtungen gewährleisten kann.

„Wir sind die erste Kommune in der Städteregion, die einen solchen Vertretungs-Pool aufbaut“, erklärt Jugendamtsleiter Willi Seyffarth. Insgesamt vier Vollzeit und sechs Halbzeitstellen werden für interne und externe Interessenten ausgeschrieben. Mit diesem Projekt möchte Stolberg seinen Ruf als familienfreundliche Stadt weiter stärken.

„Der erhebliche Fachkräftemangel in den Bereichen Bildung, Betreuung und Erziehung wird auch in Stolberg immer mehr spürbar“, sagt Robert Voigtsberger zu den Hintergründen. Dabei nimmt der Jugenddezernent vor allem Bezug auf die Berufswelt von Erziehern. Der Ausbau des Betreuungsangebotes für Kinder hat bereits in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die Stadt viele zusätzliche Mitarbeiter eingestellt hat, um den Rechtsanspruch sicherstellen zu können.

In den 19 städtischen Einrichtungen arbeiten zurzeit 160 pädagogische Mitarbeiter, etwa die Hälfte davon in Vollzeit, zehn therapeutische Beschäftigte, 16 Küchenkräfte und aktuell acht Personen als sogenannte 1:1-Kräfte zur alltagsbegleitenden Inklusion. „Darüber hinaus werden jährlich acht junge Menschen im Rahmen der Ausbildung der Fachschule für Sozialpädagogik im Rahmen des Berufsanerkennungsjahrs beschäftigt“, listet Seyffarth auf. Doch diese Ressourcen werden nicht ausreichend, um die Kinderbetreuung in den kommenden Jahren sichern zu können.

„Alle Prognosen deuten auf einen weiteren steigenden Betreuungsbedarf in den Tagesstätten hin“, erklärt der Erste Beigeordnete, dass bis 2020 weitere Fachkräfte eingestellt werden müssen. Doch nicht nur die Perspektiven fordern der Stadt Handeln ab, sondern auch die Bewältigung aktueller Situationen. Die Rekrutierung von Personal für Vertretungen bei Erkrankung und Urlaub.

„In diesen Fällen sind kaum noch qualitativ hochwertige Ersatzkräfte im Rahmen von Kurzzeitbeschäftigungen zu finden“, sagt Voigtsberger. Das Jugendamt greife bereits auf Jahrespraktikanten zurück, um sie im Bedarfsfall als Vertretung einzusetzen. Außerdem leisten Teilzeitkräfte zusätzliche Stunden. Bei 19 Kindergärten „haben wir bisher in Phasen von hohen Krankheitsausfällen kaum Handlungsspielräume zur Kompensierung“, beschreibt der Dezernent die Lage.

Die lässt sich auch in Zahlen beschreiben. Im vergangenen Jahr sei bei der vertraglichen Abwicklung von rund 100 (Vorjahr 115) krankheitsbedingten Vertretungseinstellungen mit mehr als 30 (41) verschiedenen Personen ein immenser Aufwand im Personal- wie im Jugendamt betrieben worden.

Signifikant hoch liege dabei der Wert von Erkrankungen mit einer Dauer zwischen vier und 42 Tagen, für die Vertretungspersonal finanziert werden müsse. Hoch sei zwar auch der Anteil von Langzeiterkrankten, was aber aufgrund des Ablaufs der Lohnfortzahlung für die Stadtkasse nicht mehr ins Gewicht falle.

Vor diesem Hintergrund haben Vertreter der involvierten Fachämter unter Beteiligung des Personalrates nach Abhilfe gesucht – und eine Lösung gefunden, der der Stadtrat einstimmig gefolgt ist: Die Kupferstadt richtet einen hauptamtlichen Vertretungspool für die eigenen Kindertagesstätten ein. Ob das für die Stadt kostenneutrale Modell funktioniert, wird erst einmal bis Ende 2019 beobachtet.

Unter Berücksichtigung von Tariferhöhungen prognostiziert die Verwaltung die jährlichen Kosten für Vertretungen auf rund 405.000 Euro; weitere 78.000 Euro fallen an für Mehrarbeit von Teilzeitkräften zur Kompensation von Personalausfällen. Teilzeitkräften soll auch weiterhin die Möglichkeit eingeräumt werden, temporär ihre Arbeitszeit aufstocken zu können.

Der Stolberger Vertretungspool soll aber erst einmal mit einem Personalkostenvolumen von 340.000 Euro starten: Als Erzieher werden vier Fachkräfte für 39- sowie zwei für 19,5 Wochenstunden gesucht sowie vier Ergänzungskräfte als Kinderpflegerinnen ebenfalls mit 19,5 Stunden. Mit dem verbleibenden Budget will Seyffarth flexibel reagieren können. „Wir brauchen eine Reserve, wenn zusätzliches nicht hauptamtliches Vertretungspersonal benötigt werden sollte“, unterstreicht Voigtsberger .

Auch bei der internen und externen Ausschreibung der zunächst befristeten Stellen wollen die Stolberger Standards setzten. Qualitativ hochwertige Nachwuchskräfte sollen an die Stadt gebunden werden. Ihnen winkt als finanzieller Anreiz eine Eingruppierung in den Entgeltstufen S 8b bzw. S 4, mit der die erhöhte Mobilität und Flexibilität honoriert werde. „Die Fachkräfte sind normalerweise sehr standorttreu“, erklärt Willi Seyffarth. So soll nach zweijähriger Bewährung ein unbefristetes Arbeitsverhältnis und ein fester Einsatz in einem Kita-Team (wenn Stellen zu besetzen sind) angeboten werden.

Die Vertretungskräfte sollen in der Regel den vier Sozialräumen zugeordnet sein und sollen nur bei kurzen und mittelfristigen Erkrankungen bis zu maximal vier Wochen eingesetzt werden. Bei Langzeiterkrankungen, Reha-Maßnahmen oder Elternzeiten soll die Vertretung durch Stellenausschreibung oder Anhebung der Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten in der jeweiligen Kita kompensiert werden.

Vor dem Einsatz hauptamtlicher Springer soll zunächst geprüft werden, ob das Betreuungsangebot in Eigenregie sichergestellt werden kann – etwa durch Jahrespraktikanten, Therapeuten Leitungskräfte ober eben die temporäre Aufstocken der Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten. Sind die Ressourcen ausgeschöpft, kommen die Springer zum Zuge anhand eines festgelegten Verfahrens, nach dem zunächst intern drei Werktage lang der Ausfall einer definierten Anzahl von Stellen in Relation zur Gruppenstärke der Einrichtung kompensiert werden soll.

„Auf diesem Wege können wir zu einer wesentlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen in den Kindertagesstätten beitragen“, würdigt auch Martin Künzer. „Man kann im Sinne aller Beteiligten von einer Win-Win-Situation sprechen“, so der Vorsitzende des Personalrates der Stadtverwaltung weiter.

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